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David Remnicks Obama-Biographie : Der große amerikanische Roman

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Die Rede war tatsächlich gut: Barack Obama auf dem Bostoner Parteitag der Demokraten im Juli 2004 Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Nicht nur reich an Quellen, sondern auch historisch in die Tiefe gehend: David Remnick, Chefredakteur des Magazins „The New Yorker“, hat eine wunderbare Biografie Barack Obamas geschrieben.

          5 Min.

          Am Abend vor seiner ersten, landesweit im Fernsehen übertragenen Rede musste Barack Obama schon Autogramme geben. Es war der 26. Juli 2004 in Boston, und Obama schlenderte mit seinem Freund Marty Nesbitt durch die Stadt. Die in jenem Jahr besonders zögerlichen Demokraten hatten sich etwas getraut: Obama, damals ein unbekannter Senator mit komischem Namen, den Wahlparteitag eröffnen zu lassen, der dann John Kerry zum Kandidaten nominieren sollte.

          Die Parteiführung hatte aber lange gezögert, eine Art Video-Casting gab dann den Ausschlag für Obama. Und der hatte wochenlang an dieser Rede gefeilt. Die Autogramme gab er einigermaßen unbeeindruckt, was den Freund überraschte: „Das ist ja wie bei einem Rockstar!“ Obama lachte kurz und sagte: „Das ist doch noch gar nichts. Warte erst morgen.“ Nesbitt schaute ihn fragend an, bis Obama es ihm erklärte: „Meine Rede. Sie ist ziemlich gut.“

          In diesem an Irrsinn grenzenden Vertrauen in die eigene Arbeitskraft, Inspiration und das Gelingen eines Vorhabens, wenn es nur gerecht und ambitioniert genug ist, darin erkennen wir das Rätsel Obamas. Der Präsident der Vereinigten Staaten ist das Gegenteil seines neuesten Biographen David Remnick, einem der bekanntesten amerikanischen Journalisten, Pulitzer-Preisträger und seit zwölf Jahren der Chefredakteur des Magazins „The New Yorker“. Remnicks wichtigstes Buch war eine große Studie über Muhammad Ali, das auch von der völligen Andersartigkeit und Distanz des Autors zu seinem Gegenstand lebte.

          Mit Tiefendimension

          Remnick erzählt, um sich vorzustellen, gern vom Sommer 1991, als seine Zeit als Moskau-Korrespondent des „New Yorker“ zu Ende ging. Die Moskauer Wohnung war schon bis zur Decke mit Umzugskisten zugestellt, da machte er sich auf, um mit Gorbatschows Berater Alexander Jakowlew ein letztes Interview zu führen.

          Nach dem offiziellen Gespräch sagte Jakowlew, es werde sehr bald einen Putsch geben, das sei praktisch unausweichlich. Aber Remnick hatte ja schon gepackt und überhaupt, wenn man auf alles höre, was in Moskau so getratscht wird, da würde man ja irre. Er flog mit seiner Familie zurück, gerade rechtzeitig, um die dramatischsten Bilder vom Putsch der Generäle auf CNN verfolgen zu können. Panzerkolonnen zogen vorbei, dahinter erkannte er das Haus, in dem er wenige Stunden zuvor noch gewohnt hatte.

          Spürsinn, der Segen müheloser Arbeit, Genialität, all das geht Remnick, wie 99 Prozent der Menschheit, ab. Der Unterschied zu vielen anderen seiner Kollegen besteht aber darin, dass Remnick seine Arbeit von dieser Prämisse ausgehend organisiert, hart an der Leichtigkeit des Textes arbeitet und dass das Ergebnis, das der Leser dann in Händen hält, verblüffend gut ist. Für diese Biographie sind Hunderte von Personen interviewt worden, die zitierten Dokumente reichen zurück bis in die Lincoln-Zeit. Man könnte es mit der japanischen Lackiertechnik vergleichen: Jede einzelne Schicht ist bloß blasse Farbgebung, aber wenn man viele, sehr viele und noch mehr davon aufträgt, schimmert der Gegenstand in scheinbar unendlicher Tiefe.

          Was Pragmatismus bedeutet

          So, durch eine sozial ausgreifende und immer wieder in die historische Tiefe gehende Arbeit wird aus der Biographie Barack Obamas nicht bloß ein akkurates und intellektuell anregendes Sachbuch, sondern ein Epos, so nahe am oft ersehnten großen amerikanischen Gegenwartsroman, wie man es sich nur wünschen kann.

          Dabei ist schon der reine analytische Nutzwert nicht zu unterschätzen: Oft kann man lesen, Obama pflege einen pragmatischen Politikstil, was immer so klingt, als laviere er sich durch, weil ihm eine feste ideologische Grundierung fehle. Bei Remnick aber lesen wir, dass die wichtigste Freundin und Mentorin von Obamas Mutter niemand anderes war als Alice Dewey, die Enkelin des großen amerikanischen Philosophen John Dewey, der die Öffnung der Geisteswissenschaften für naturwissenschaftliches Denken, die „pragmatische Wende“ forderte. Bei allem Idealismus, den man Obamas Mutter, der 1995 verstorbenen Anthropologin Ann Dunham, attestieren kann: Es ging ihr im Leben wie in ihrer Forschung stets um die messbaren Verbesserungen im Alltag der von ihr studierten Kulturen. Über tausend Seiten umfasst ihre erst vor kurzem publizierte Arbeit über die Eisenschmiede eines indonesischen Dorfes.

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