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David Graebers Kapitalismuskritik : Sklaven sind wir alle!

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Marx, Kulturkritik und Sehnsucht nach Harmonie

Historisch war das vielleicht nicht das letzte Wort, aber es war auch mehr als nichts. Die Welt vor der Entstehung des Kapitalismus, vor der Generalisierung des Geldverkehrs steckte in einer Art „Malthusianischen Falle“, in der Produktivitätsgewinne durch das Bevölkerungswachstum in der Regel wieder aufgezehrt wurden. Seit Beginn des Kapitalismus ist die Weltbevölkerung hingegen geradezu explosionsartig gewachsen. Dass heute sieben Milliarden Menschen leben können, verdankt sich auch den großen Produktivitätssteigerungen der letzten zweihundertfünfzig Jahre - und die wären ohne eine entsprechende Organisation von Arbeitsteilung und Markt, von Handel, Geld- und Kreditwirtschaft kaum möglich gewesen.

Das war nicht nur eine Folge von Gewalt und Ausplünderung, denn dann wäre Spanien reich geworden und geblieben. Entscheidend war, dass die weltwirtschaftlichen Impulse des sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts eine außerordentliche Steigerung der industriellen Leistungsfähigkeit dort begleiteten, wo die Umstände für ihre Umsetzung in technische Problemlösungen günstig waren. Hier liegt das eigentliche „Wunder Europas“ (E. L. Jones) begründet: Es mag noch so bemerkenswert sein, auf ältere Spuren moderner Technik in Asien und im islamischen Raum zu verweisen: Wirklich entfaltet wurde sie erst in Großbritannien und von hier ausgehend auf dem europäischen Kontinent - aus eigenem Antrieb! Und erst diese Entfaltung ermöglichte, im Rahmen einer sich entwickelnden Kreditwirtschaft, die Durchsetzung jener industriellen Strukturen, von denen noch heute die massenhafte Herstellung, der Vertrieb und der Absatz auch von Büchern wie des vorliegenden profitieren. Erstmals in der Geschichte der Menschheit entstand ein Wirtschaftssystem, in dessen Kern der Massenkonsum steht. Das kann man kulturkritisch verachten oder mit Schuldenwirtschaft zu verbrämen suchen; der Befund ändert sich dadurch nicht.

Aus Graebers Text spricht eine Verlustklage, die aus der Tradition der europäischen Kulturkritik vertraut ist. Denn Graeber wirft dem Kapitalismus vor allem vor, den Menschen aus einer intakten Welt gegenseitiger Verpflichtungen vertrieben zu haben. Bindungslose Monaden seien wir geworden, bemessen allein nach Geldwert und zumeist Opfer, gelegentlich wohl auch Täter einer skrupellosen Schuldenwirtschaft, die unsere Bindungslosigkeit aufrechterhalte und vorantreibe. Hier schwingt ein genereller Vorbehalt gegen die moderne funktionale Differenzierung der Welt mit, gegen das Trennungsdenken, den Verlust der Tiefe und der Mitte, wie er seit dem neunzehnten Jahrhundert dem Kapitalismus und dem Individualismus noch stets vorgehalten wurde. Es ist eine eigentümliche Mischung aus Marx, Globalisierungsvorbehalten, Kulturkritik und Harmoniesehnsucht, die sich hier äußert und die sich der historischen Kritik im Grunde entzieht. Nur: Solange es zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des gegenwärtigen Kapitalismus reale Alternativen nicht gibt, behält Bernard Mandeville recht, der bereits zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts in seiner Bienenfabel das Dilemma dieser Art der Kritik auf den Punkt brachte: „Wer will, dass eine goldne Zeit / zurückkehrt / sollte nicht vergessen / man musste damals Eicheln fressen.“ Noch ist das gültig.

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