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David Graebers Kapitalismuskritik : Sklaven sind wir alle!

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Die diabolische Rolle des Geldes

Damit ist der Kreis der Argumentation geschlossen, doch ist die Geschichte nicht zu Ende. Denn Richard Nixons Weigerung von 1971, den Dollar weiterhin in Gold zu tauschen, markierte ja strenggenommen eine neuerliche Abkehr vom Münzgeld und schuf günstige Bedingungen für das Wiedererstehen vertrauensbasierter Kreditbeziehungen. Doch ist weder die aktuelle Finanzgeschichte hierfür ein Beleg; noch lässt sich die weitere Entwicklung prognostizieren, was Graeber auch gar nicht erst versucht. Die Finanzkrise der letzten Jahre, überhaupt die Entwicklung seit der Nachkriegszeit behandelt er nur noch kursorisch. Was kommt, ist nicht klar.

An dieser Argumentation ist viel zu loben, aber auch viel zu kritisieren. Die diabolische Rolle des Geldes, zugleich wirtschaftliche Kommunikation wahrscheinlicher zu machen und sie aus ihren sozialen Bezügen herauszulösen, haben viele Autoren - nicht zuletzt Georg Simmel und Niklas Luhmann - betont. Graebers Argument wird dadurch nicht schlechter, dass Teile von ihm nicht neu sind. Nur zwingt er sich dazu, kapitalistische Marktwirtschaften als Ergebnis von Gewaltakten zu erklären. Durch diesen Filter muss sein Material, und es ist dann gerade dessen Auswahl, die Zweifel aufkommen lässt.

Die andere Seite der Geschichte

Graeber hat zahllose, auch gute Beispiele für die zerstörerische Bedeutung geldwirtschaftlicher Beziehungen gefunden, aber deren Vorzüge schlicht weggelassen. Das mag man bei einer politischen Polemik akzeptieren. Bei einem Buch, das trotz allen Plaudertons einen gewissen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, kann man es aber nicht durchgehen lassen. Es sind daher letztlich gar nicht so sehr die Fehler, die stören, sondern die Auslassungen sowie die ungeklärten Setzungen und Behauptungen. Vor allem zwingt sein argumentatives Konzept Graeber dazu, eine Art „Sündenfall“ der Geldschöpfung anzunehmen. Aber wieso kommt es überhaupt zur Auflösung der „humanen Ökonomien“? Wo kommen das „Böse“, der „Schuldenteufel“, der münzgeldgierige Staat her, die ja die treibenden Kräfte in Graebers Vorstellung von historischem Wandel zu sein scheinen? Wer konstituiert wann und unter welchen Bedingungen „kommerzielle Ökonomien“, „Schuldenwirtschaften“, „Sklaverei“? Reicht hier der Verweis auf die vermeintliche Gewaltaffinität der Europäer, die Expansionslust, Raubgier und Spielsucht ihres Finanzkapitals wirklich aus? Müsste dies nicht auch erst erklärt werden?

Graebers These überzeugt nicht, weil er die andere Seite der Geschichte des Geldes, durch die vieles plausibler wird, gar nicht erzählt. Was er wohl bewusst ignoriert, ist die Frage nach der Leistungsfähigkeit der jeweiligen ökonomischen Strukturen, die ja mit dem Hinweis auf deren Verknüpfung mit Schulden nicht erledigt ist. Dass Ökonomie immer auch Problemlösung ist, dass Menschen die ökonomischen Verhältnisse nach diesem Gesichtspunkt beurteilen, davon mag Graeber nicht reden. Denn dann müsste er zugestehen, dass die Geldverwendung eben auch Vorteile besaß, dass sie Arbeitsteilung und Handel wahrscheinlicher machte, dass gerade der liberale Kapitalismus die größte Wohlstandsvermehrung der Weltgeschichte ausgelöst hat.

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