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David Graebers Kapitalismuskritik : Sklaven sind wir alle!

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Das Mittelalter wiederum habe einen Rückgang des Münzgeldes und ein Vordringen virtueller monetärer Beziehungen gesehen. Insbesondere in der islamischen Welt sei eine gezügelte, kreditbasierte Marktwirtschaft entstanden. Europa sei damals noch ein mehr oder minder barbarischer Ort gewesen, der sich nicht allein durch seine Rückständigkeit, sondern auch dadurch von der arabischen Welt unterschieden habe, dass man Kaufmannschaft und Handel viel misstrauischer betrachtet habe. Eine Art „freundliche Kaufmannsmoral“, die auf ein unaggressives Ausnutzen von Marktchancen setzte, wie im Islam vermeintlich typisch, sei in Europa nicht möglich gewesen.

Von Spielern und Apokalyptikern

Die Begleitmusik zu Europas weltgeschichtlichem Auftritt ist vielmehr die Gewalt. Europa ist für Graeber von Anfang an ein „ungewöhnlich gewalttätiger Kontinent“. In der nicht weiter hergeleiteten, geradezu vorausgesetzten Gewaltbereitschaft scheint für Graeber Europas einzige Besonderheit zu liegen, denn im sechzehnten Jahrhundert habe Europa allein bessere „Mittel der Seekriegsführung“ besessen. Überhaupt: „Im Laufe der Geschichte dürften viele Kulturen in der Lage gewesen sein, ähnlich großes Unheil anzurichten wie die europäischen Mächte im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert ... - doch kaum eine tat es.“

Europa war es auch, das die mittelalterliche Welt der gegenseitigen Kreditverpflichtungen durch seine Gier, an Münzgeld, an Gold und Silber zu kommen, brutal zerstörte. Die Aggressivität der europäischen Expansion seit dem sechzehnten Jahrhundert wird ausführlich geschildert. Auch vor der Ausbeutung der eigenen Bevölkerung sei die Obrigkeit nicht zurückgeschreckt. Der Bauernkrieg in Deutschland dient Graeber ebenso als Beispiel wie der Untergang ländlicher Kreditsysteme in Großbritannien.

Bild: Klett-Cotta

Treibende Kraft der Veränderung der weltwirtschaftlichen Strukturen und damit der Entstehung eines in Europa und später in Nordamerika zentrierten Kapitalismus war in Graebers Sicht das Finanzkapital. Dieses Finanzkapital habe die europäische Aggression finanziert, die somit durch Schuldner getragen worden sei, deren Ziel es war, zu rauben, zu plündern oder andere zu Schuldsklaven zu machen. Der damit sich durchsetzende Kapitalismus ist in dieser Sicht ein sich ständig erneuerndes Schuldenverhältnis. Dass eine derartige Expansion eine eigentümliche Mischung aus Spielern und Apokalyptikern hervorgebracht habe, die zum einen alles auf eine Karte setzten, zum anderen stets mit dem Untergang des Systems rechneten, sei durchaus folgerichtig. Eine auf der Schuldversklavung des Menschen beruhende große Pokerpartie, die nicht enden darf - das ist für Graeber der im sechzehnten Jahrhundert entstandene Kapitalismus. Und genau dieser Zusammenhang werde durch unsere Vorstellungen von Eigentum, Freiheit und moralischer Verpflichtung unsichtbar gemacht.

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