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David Graebers Kapitalismuskritik : Sklaven sind wir alle!

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Im Kontext dieser Ökonomien war die Entstehung von Geld ganz unwahrscheinlich. Evolutionäre Theorien der Geldentstehung lehnt Graeber deshalb ab. Stattdessen bezieht er sich auf Georg Friedrich Knapp und dessen Theorie, nach der das Geld stets Ausdruck staatlicher Setzung ist. Erst der Staat schaffe das Münzgeld, dadurch entstünden im eigentlichen Sinne erst Märkte, die ihrerseits staatliches Handeln provozierten. Mit der Einführung von Geld, mit der Verpflichtung, Steuern, Abgaben, dann auch geschäftliche und private Schulden zu monetarisieren, schließlich mit der Entstehung von Zins und Zinseszins würden dann die „humanen Ökonomien“ zerstört. Denn jetzt sei man dazu in der Lage, gegenseitige Verpflichtungen exakt zu beziffern und unter Umständen zu beenden. Der „Rohstoff des Zusammenlebens“, die asymmetrische und inkommensurable gegenseitige Verpflichtung, schwinde. In der nun entstehenden „kommerziellen Ökonomie“ würden aus Verpflichtungen in Geld ausdrückbare Schulden. Einzelne Gegenstände oder Personen würden aus ihren Beziehungen gelöst und käuflich. Die Versklavung von Menschen setze diese Entbindung voraus und bestätige sie zugleich. Sie sei daher auch der unmittelbarste Ausdruck dieser Art der Schuldenwirtschaft.

Die rechtliche Fassung von Sklaverei

Es ist aber nicht allein der Gewaltnexus, auf den Graeber abhebt. Die Art des Umgangs mit Verpflichtungen und Schuld, Sühne und Erlösung bestimme auch die Rechtfertigungsnarrative der Gesellschaften. Die von Graeber vorgestellten Theorien der Urschulden und ihre verschiedenen Ausprägungen seien hier nur erwähnt. Die unsystematische Zusammenstellung ethnologischen, anthropologischen und historischen Materials und seine „Passung“ zur Gedankenführung sind hier nicht zu überprüfen. Entscheidend ist vielmehr Graebers Bild von den griechischen und römischen Rechtsvorstellungen, in denen sich frühe kommerzielle Ökonomien gleichsam gespiegelt hätten.

Insbesondere das römische Eigentumsrecht und den zugehörigen Freiheitsbegriff hält Graeber geradezu für eine Übertragung der Grundidee einer Schuldenwirtschaft in allgemeine Rechtssätze. Deren Fortwirken bis in die Gegenwart ist für ihn daher das größte Verhängnis. Der „Individualismus“ des römischen Rechts, Freiheit als Bindungslosigkeit, Eigentum als Egoismus zu denken, sei die rechtliche Fassung von Sklaverei. Und nicht zuletzt über die Tradierung des römischen Rechts habe sich die normative Rechtfertigung der Sklavengesellschaft in unsere Gegenwart fortgeschrieben: „Wir sind zu einer Schuldengesellschaft geworden, weil das Erbe von Krieg, Eroberung und Sklaverei nie ganz verschwunden ist.“

„Freundliche Kaufmannsmoral“

Die Ausfaltung „kommerzieller Gesellschaften“ vollzog sich nach Graeber historisch in vier großen Schritten, die sich vor allen Dingen durch die Verfügbarkeit oder Nichtverfügbarkeit von Münzgeld unterschieden hätten. Alles Geld trenne, sei insofern diabolisch, aber virtuelles Geld weniger radikal als Münzgeld, da es zumindest noch Vertrauensreste voraussetze. In den älteren Gesellschaften bis etwa zum Beginn der klassischen Zeit herrschten Kreditsysteme vor. Erst in der griechisch-römischen Achsenzeit dominierte zunächst in lydisch-griechischer, dann in römischer Form das Münzgeld, und eine brutale Raub- und Sklavenwirtschaft sei nötig geworden, um dieses Bargeldsystem am Laufen zu halten.

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