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Das Tagebuch der Hélène Berr : Kopf hoch, so sind Sie hübscher

  • -Aktualisiert am

Den Tod vor Augen schrieb die Pariser Jüdin Héléne Berr ab 1942 Tagebuch Bild: Collection Job / Mémorial de la Shoah

Sie ist die französische Anne Frank: Heute erscheint in Deutschland das Tagebuch der Jüdin Hélène Berr. Es beginnt 1942 im besetzten Paris und endet kurz vor der Deportation der jungen Frau. Ein berührender und erstaunlich reifer Zeugenbericht.

          Kinder gehen von Bord eines Schiffs, manche blinzeln frech in die Kamera, andere schauen verschlossen daran vorbei. Eine derzeit in Paris laufende Ausstellung über die Kristallnacht im Mémorial de la Shoah schließt mit dieser Dokumentarfilmsequenz von der Ankunft eines jüdischen Kindertransports aus Österreich im englischen Hafen von Harwich Ende der dreißiger Jahre.

          Diese Kinder waren nun auf der sicheren Seite. Drei Etagen tiefer liegen in einer Vitrine der Dauerausstellung des Mémorial ein paar lose Blätter mit einer unregelmäßigen, offenbar schnell hingekritzelten Handschrift, in der ebenfalls von Blicken die Rede ist. „Mein Gott, ich habe nicht geglaubt, dass es so hart sein würde“, heißt es da: „Ich ging mit hocherhobenem Kopf und habe den Leuten so fest ins Gesicht geblickt, dass sie die Augen abwandten.“

          Mit der Demütigung beginnt das Schreiben

          Das Datum dieses Eintrags ist der 8. Juni 1942, die Autorin heißt Héléne Berr, eine 21 Jahre alte Pariser Studentin aus gutsituiertem jüdischem Haus. Sie war gerade zum ersten Mal mit dem fortan für Juden obligatorischen gelben Stern auf der Brust ausgegangen und notierte die Erfahrung so detailliert wie viele andere Einzelheiten ihres Alltags ins Tagebuch. Sie beschreibt die Blicke der Leute, deren verlegenes Wegschauen, die Zeichen von Sympathie, das Fingerzeigen der Kinder, das schroffe „Letzter Wagen!“ des Kontrolleurs in der Métro, das steife „Ein elsässischer Katholik reicht Ihnen die Hand, Mademoiselle“ eines Unbekannten auf der Straße, das gutgemeinte „Kopf hoch, so sind Sie noch viel hübscher“ des Postangestellten, das ihr die Tränen in die Augen treibt.

          Hélène Berr 1942 mit ihrem Verlobten Jean Morawiecki, der nach ihrer Deportation ihr Tagebuch erhielt

          Hélène Berr hatte dieses Tagebuch im Frühjahr 1942 begonnen und mit einer Pause bis Februar 1944 geführt. Drei Wochen später wurde sie zusammen mit ihren Eltern verhaftet, kam nach Auschwitz, dann nach Bergen-Belsen, wo sie im April 1945 wenige Tage vor der Befreiung starb. Ihr Tagebuch erschien vor einem Jahr erstmals in Frankreich, wo es mit achtzigtausend verkauften Exemplaren ein großes Leserecho fand. Nach englischen, portugiesischen, holländischen Übersetzungen erscheint das Buch heute als „Pariser Tagebuch 1942-1944“ in der Übersetzung von Elisabeth Edl beim Hanser Verlag auf Deutsch.

          Eine Reflexion von erstaunlicher Reife

          Dass dies viel mehr ist als nur ein weiterer Zeugenbericht eines Holocaustopfers, hat neben dem Publikum auch die französische Kritik früh bemerkt. In seiner ungekünstelten Direktheit und Klarheit ist der Text zugleich privates Lebenszeugnis, Botschaft an einen kaum gekannten, fernen Verlobten, den die Autorin nie wiedersehen sollte, symptomatische Alltagsbeschreibung aus dem besetzten Paris und Reflexion von erstaunlicher Reife. Nichts drängte auf Publikation.

          Das Tagebuch von Hélène sei in der Familie als Maschinenabschrift zirkuliert, sagt Mariette Job, Hélène Berrs Nichte, die hinter der Veröffentlichung steht: Unzählige Male habe sie es seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr gelesen. Allmählich habe sich aber die Sorge aufgedrängt, das Originalmanuskript könnte verschwinden. So entschloss sich Frau Job vor siebzehn Jahren zu Nachforschungen. Da Hélène Berr selbst in ihren Aufzeichnungen den Wunsch äußert, das Tagebuch solle Jean Morawiecki zukommen, ihrem fernen Verlobten, falls sie deportiert werde, war der Inhaber schnell gefunden. Ihm war das Konvolut nach dem Krieg überreicht worden. Er vermachte das Manuskript dann 1994 Hélène Berrs Nichte, die es schließlich im Mémorial de la Shoah hinterlegte.

          Tränen der Wut

          Ein gutes Dutzend Vitrinen veranschaulichen dort exemplarisch an jeweils einem Einzelschicksal die Ereignisse mit Briefen, Fotos, Amtspapieren, persönlichen Objekten. Keine andere verbindet aber so eindringlich Privatheit und literarisch durchsetzte Allgemeinrelevanz. Hélène Berr arbeitete nach ihrem Literaturstudium an einer Promotion über Keats, da ihr als Jüdin die Lehramtsprüfung versagt war. Sensibilität und Empörungsfähigkeit sind die beiden Grundzüge des Journals. Durch einen heraufziehenden Regen kann die Glücksstimmung der Autorin beim Flanieren durch Paris oder beim Himbeerenpflücken im Landhaus jäh in Trübsinn umschlagen. Bis in die letzten Monate schwebt über diesen Seiten eine unerlöste Ambivalenz. Die Schönheit des Frühlings und die Barbarei der Verfolgung gehen unmittelbar zusammen. „Das Leben ist weiterhin seltsam schäbig und seltsam schön“, notierte sie im Juni 1942, noch bevor ihr Vater verhaftet wurde, weil sein Judenstern nicht aufgenäht, sondern mit einer Nadel angeheftet war.

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