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Das „Lehrerhasserbuch“ : Mami gegen Pauker

  • -Aktualisiert am

Der Stein des Anstoßes Bild: Knaur

Gerlinde Unverzagt hat unter Pseudonym ein „Lehrerhasserbuch“ geschrieben. Jetzt flog die Tarnung auf, und der Ärger ist groß. Treffend und witzig ist das Buch immer dann, wenn die Autorin hübsch-groteske Beispiele aus dem Schulalltag pointiert schildert.

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          Die Geschichte hätte sich ein pfiffiger Marketingmanager aus der Verlagsbranche nicht besser ausdenken können: Eine alleinerziehende Berliner Mutter von vier schulpflichtigen Kindern schreibt unter dem Pseudonym Lotte Kühn ein Buch mit dem konfliktfördernden Titel „Das Lehrerhasserbuch“. Trotzdem regt sich vorerst kaum jemand auf, und das Opus verkauft sich so lala.

          Dann gibt die pädagophobe Mutter der Berliner Stadtillustrierten „Zitty“ ein Interview und läßt sich dazu konspirativ von hinten fotografieren. Dummerweise ist die Autorin aber auch von hinten gut zu erkennen und die Grundschullehrerin ihres jüngsten Sohnes eine aufmerksame Leserin des Stadtblattes. Kurz nach der Veröffentlichung des Interviews spricht die Lehrerin den Drittkläßler auf das „Lehrerhasserbuch“ und das Autorenbild in der Stadtillustrierten an. In die Enge getrieben, gesteht der Filius und läuft zerknirscht nach Hause: „Mama, ich habe dich verraten.“ Da habe sie erst mal ihren Sohn getröstet, erzählt die Autorin am Telefon, das seit einigen Tagen ohne Unterlaß klingelt, und gemeinsam mit ihren vier Kindern Familienrat gehalten.

          Die Lehrer jaulen entsprechend laut auf

          Das Pseudonym hatte sie ursprünglich gewählt, um ihre Sprößlinge vor möglichen Repressionen humorferner Lehrerschichten zu schützen. Aber offenbar hatte sie das detektivische Talent jener Schöneberger Grundschullehrerin unterschätzt, die im „Lehrerhasserbuch“ unter dem Namen „Frau Friedensreich-Bedürftig“ firmiert. Als die Tarnung aufflog, entschloß sich Lotte Kühn zur Flucht nach vorn: Im „Spiegel“ ließ sie ihren Künstlernamen fallen. Nun weiß das Land seit vergangenem Montag, daß das „Lehrerhasserbuch“ aus der Feder Gerlinde Unverzagts stammt. Vor allem wissen es jetzt die Lehrer - und jaulen entsprechend laut auf. Da so etwas stets dem Absatz dient, erobert das Werk gerade die Bestsellerlisten. Im Gegenzug muß sich Gerlinde Unverzagt von aufgebrachten Lehrern im Internet oder in Briefen beschimpfen lassen. Heute etwa habe sie ein „Doktor Soundso aus Wuppertal brieflich gedisst“, erzählt die Fünfundvierzigjährige - so wie sie schon aussehe, sei es ja kein Wunder, daß sie so verbitterte Bücher schreibe. Und so weiter. Ganz kalt lassen sie solche Angriffe nicht. „Eigentlich hatte ich nicht vor, über meinen Hintern zu reden“, sagt sie lakonisch. Das hat sie nun davon.

          Gerlinde Unverzagt: „Haß ist nicht mein Ding”
          Gerlinde Unverzagt: „Haß ist nicht mein Ding” : Bild: F.A.Z.-Matthias Lüdecke

          Bislang hatte sich die Berliner Autorin einen Namen gemacht durch das Verfassen friedfertigerer Sachbücher, die Titel tragen wie „Kinder stark machen für das Leben - Herzenswärme, Freiräume, klare Regeln“ oder „Benehmen macht Schule - Gute Gründe für gute Manieren“. Als eine Art UKW-Super-Nanny ist sie außerdem regelmäßig beim Berliner Sender „Radio eins“ mit Erziehungstips zu hören. Durch polemische Ausfälle gegen ganze Berufsgruppen war sie in diesem Zusammenhang allerdings nicht aufgefallen. Als ihre Agentin ihr jedoch das Angebot eines Verlags für eine Buchreihe unterbreitete, in der bereits ein „Bahn-“ und ein „Posthasserbuch“ erschienen waren, eine entsprechende Folge über Lehrer zu verfassen, ergriff Gerlinde Unverzagt die Gelegenheit, ihren geballten Unmut niederzuschreiben.

          Bei 24 Schuljahren staut sich einiges auf

          Bei insgesamt 24 Schuljahren, die sie als Mutter von zwei Jungs und zwei Mädchen im Alter zwischen acht und 16 Jahren absolviert hat, staut sich da offenbar einiges auf. Und so zog sie munter zu Felde gegen eine Profession, die sich ihrer Meinung nach vor allem durch zweierlei auszeichnet: das Desinteresse an Kindern und ihre pädagogische Indisponiertheit. „Im Grunde unseres Herzens eint uns über alle Schichten und jedes Alter hinweg der Glaube an die Unfähigkeit des Lehrers“, postuliert die Autorin und wettert dann von dieser in der Tat populären, halbreflektierten Position aus gegen all jene Frau Bimmels, Frau Wunderlich-Kapitzkys und Dr. Evils, von denen sie und ihre Kinder sich täglich quälen lassen müssen.

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