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Das Leben Heinrich Schliemanns : Die schönste Sage der modernen Wissenschaft

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1873 endlich fündig in Anatolien: Heinrich Schliemann Bild: picture-alliance / dpa

Kommende Woche strahlt Sat.1 einen üppigen Zweiteiler über Heinrich Schliemann aus, der 1870 Troja und den „Schatz des Priamos“ fand. Es ist ein Film voller Abenteuer und Wirren. Aber das Leben Schliemanns war in Wirklichkeit noch weitaus aufregender. Von Dieter Bartetzko.

          Es war im Morgengrauen des 15. Juni 1873, am vorletzten Tag der Grabungskampagne, als Heinrich Schliemann Metall in den Fugen einer Bastion von Troja blinken sah. Er kletterte näher, erkannte Gold und bat seine Frau Sophia, die Grabungsarbeiter unter einem Vorwand wegzuschicken. „In größter Eile schnitt ich den Schatz mit einem großen Messer heraus, was nicht ohne die allergrößte Kraftanstrengung und die furchtbarste Lebensgefahr möglich war; denn die große Festungsmauer drohte jeden Augenblick über mir einzustürzen. Aber der Anblick machte mich tollkühn, und ich dachte nicht an Gefahren.“

          Tollkühn zu sein wie die Helden Homers, davon hatte schon das Kind geträumt, der Pfarrerssohn Schliemann, der im mecklenburgischen Neu-Bukow die „Ilias“ verschlang. So begeistert war er von den Mythen, dass er in jedem Hügel und Teich rund um Ankershagen, dem Dorf, wohin die neunköpfige Familie später gezogen war, kostbare Altertümer vermutete.

          1854 und 1855 verdoppelte er sein Vermögen

          Wirklich tollkühn aber musste dann der kleingewachsene Zwanzigjährige sein, der in der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember vor der Insel Texel trieb, nachdem die Brigg „Dorothea“, auf der er angeheuert hatte, untergegangen war. Die Besatzung wurde nach neun Stunden gerettet. Schliemann, zuvor fünf Jahre Krämerlehrling in Fürstenberg, dann Handelsgehilfe in Hamburg, ging nach Amsterdam. Nach Hungerwochen fand er dort Anstellung in einem Kontor, lernte abends besessen Sprachen: Niederländisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch und Russisch. Nur Altgriechisch, die Sprache Homers, die er sich in Fürstenberg von einem Bummelstudenten gegen Schnaps hatte rezitieren lassen, lernte er nicht.

          Ein Vermögen für die Archäologie: Schliemann in Fernseh-Troja

          In Amsterdam schien Schliemann seine Troja-Träume begraben zu haben. Er hoffte fiebrig auf eine Kaufmannskarriere, ging als Agent seiner Firma 1846 nach St. Petersburg, eröffnete einen Indigo-Handel, der ihn binnen eines Jahres zum Großkaufmann machte. Zwischen 1854 und 1855 verdoppelte er sein Vermögen dank Geldanleihen, mit denen er den Krimkrieg Russlands stützte; 1870 profitierte er auf gleiche Weise vom Deutsch-Französischen Krieg. Schon 1860 war er zehnfacher Millionär, beherrscht nun auch Neu- und Altgriechisch, hat die meisten antiken Stätten Europas bereist - und beschloss 1870, alle seine Firmen zu liquidieren, um endlich Troja auszugraben.

          Sollte ich eine finden, nehme ich sie

          Im selben Jahr schrieb er an Sergej, den mit schulischen Problemen kämpfenden Sohn aus seiner russischen Ehe: „In Amsterdam habe ich geleistet, was niemals jemand vorher vollbrachte noch in Zukunft vollbringen wird. Du solltest versuchen, Deinem Vater zu folgen, der stets bewies, was ein Mann allein durch eiserne Energie erreichen kann.“ Schliemann war kein Mann, der sein Licht unter den Scheffel stellte, weder als Kaufmann noch als Autor (sein dramatischer Bericht vom Schatzfund gilt heute als Fiktion) - und auch nicht als Liebender: Im Jahr 1869 eröffnete er seinem Vater neue Heiratspläne. Der Siebenundvierzigjährige hatte sich die zwanzigjährige Sophia Engastromenos aus einer Reihe von Fotografien ausgesucht, die ihm der Erzbischof von Griechenland geschickt hatte: „Ich kann nur mit einer Griechin glücklich werden - wenn sie Sinn für Wissenschaft hat, nur in dem Falle kann sie einen alten Mann lieben.“ Drastischer noch ein zweiter Brief: „In Griechenland habe ich den Vorteil, dass die Mädchen arm wie Ratzen sind. Sollte ich eine finden, die Hoffnung auf Nachkommenschaft lässt, nehme ich sie.“

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