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Das Kursbuch der Bahn : Letzter Halt Internet

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Die letzte gedruckte Ausgabe des Kursbuchs wird die Bahn als limitiertes Sammlerstück veröffentlichen Bild: Felix Seuffert

Künftig soll das Kursbuch nur noch digital zu haben sein. Der Fortschritt hat nun auch die Deutsche Bahn erreicht. Und zerstört damit die Reisephantasien einer ganzen Generation. Hans Magnus Enzensberger, der einst ein eigenes „Kursbuch“ herausgegeben hatte, über das Ende einer Literatur.

          Die Deutsche Bahn hat angekündigt, ihr Kursbuch künftig nur noch im Internet oder auf CD-ROM anzubieten. Im Dezember erscheint das letzte gedruckte Exemplar, das erste stammt aus dem Jahr 1845. Was folgt aus dem Ende dieser Tradition? Das haben wir den Schriftsteller und Essayisten Hans Magnus Enzensberger gefragt. Er hat nicht nur von 1965 bis 1975 sein eigenes „Kursbuch“ herausgegeben, das gerade ebenfalls eingestellt wurde: In seinem berühmten Gedicht „ins lesebuch für die oberstufe“ von 1957 räumte Enzensberger den Fahrplänen größere Verlässlichkeit ein als dem geschriebenen Wort. Wir dokumentieren beides: Enzensbergers Gedicht von damals - und seine Antwort von heute.

          Mein Vater, Jahrgang 1902, hat nie ein Automobil besessen. Er fuhr lieber mit der Bahn. Dabei legten ihm die Verhältnisse manches Hindernis in den Weg. Zuerst hatte er kein Geld, dann gab es keine Devisen mehr, schließlich wurden die Grenzen dichtgemacht, und am Ende fuhren überhaupt keine Züge mehr. Als nach dem Ende des Krieges die Gleise wieder zusammengeflickt wurden, war das Deutsche Reich verschwunden und konnte keine Pässe mehr drucken. Nur wer sehr viel Glück hatte, dem stellte die Militärregierung eine grüne Pappe aus, auf der geschrieben stand: Travel Document in lieu of a Passport. Aber auch damit war dem Inhaber nicht geholfen, denn kein Konsulat zeigte Lust, dem deutschen Antragsteller ein Visum zu erteilen, und ohne einen solchen Stempel kam keiner über die Grenze.

          Meinen Vater hat das nicht gestört, denn er besaß das Amtliche Kursbuch für das Reich, Teil 4, Fremde Länder, Jahrgänge 1928-1939, mit dessen Hilfe er die ganze Welt durchreisen konnte, soweit sie über einen Bahnanschluss verfügte. Die besten Verbindungen und die günstigsten Anschlüsse von Casablanca bis Wladiwostok und von Kiruna bis El Obeid standen ihm also jederzeit zur Verfügung. Sprachschwierigkeiten, überfüllte Züge, lästige Verspätungen und mangelhafte hygienische Bedingungen hatte er bei diesen imaginären, aber präzise geplanten Reisen nicht zu befürchten, und außer dem bescheidenen Preis des Druckwerks fielen keinerlei Unkosten an.

          Bleiben Sie ruhig zu Hause

          Die Nachricht, dass die Deutsche Bahn in Zukunft auf die Drucklegung von Kursbüchern verzichten würde, hätte meinen Vater schwer getroffen. Es ist gut, dass er das nicht mehr erleben musste. Jede Generation macht Fortschritte, bei denen es ihren Vorgängern angst und bange wird. Zweifellos ergötzen Jüngere, die Tag und Nacht online sind, sich an ihrem virtuosen Umgang mit dem Internet. Ich nehme allerdings an, dass sich mein Vater gefragt hätte, wohin das alles führen würde. Da er jedoch intelligenter war als ich, kann ich nur vermuten, wie seine Schlussfolgerungen ausgesehen hätten.

          Wahrscheinlich hätte er gesagt: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Internet obligatorisch sein wird. Wer sich ihm nicht anschließt, wird als asozialer Penner gelten und zu denen zählen, die man einst die Verdammten dieser Erde genannt hat. In absehbarer Zeit wird keine Bank mehr an einem Schalter, kein Geschäft mehr in einem Büro und keine Administration der Welt mehr in einer Amtsstube erreichbar sein. Ach, Sie wollen ein Automobil anmelden, ein Haus ins Grundbuch eintragen lassen, eine Ehe schließen, Ihre Campingausrüstung verkaufen, einen Job suchen oder an einer Wahl teilnehmen? Bitte sehr, ein paar Mausklicks genügen. (In Estland, heißt es, gehören diese Errungenschaften bereits zum Alltag.) Auch die Justiz, dieser Dinosaurier, wird Sie bald auf eine Weise verknacken, die an Bürgernähe nicht mehr zu übertreffen ist; bleiben Sie ruhig zu Hause, Sie brauchen nie mehr in einem öden Gerichtssaal zu erscheinen; eine E-Mail genügt. Auch die Postämter werden demnächst schließen; schon allein das Wort hört sich an wie aus einem längst verflossenen Jahrhundert. Ist es nicht nachgerade eine Zumutung, dass einem immer noch Briefe ins Haus geschickt werden, wo es doch so komfortable Einrichtungen gibt wie SMS oder Strompost?

          Der Fortschritt kam schon immer schnell

          Alles in allem, hätte mein Vater gesagt, wirst du, mein Lieber, in einer kommoden neuen Welt leben, die keinen Unterschied zwischen Service und Überwachung mehr kennt. Meine Kursbücher sind unter diesen Umständen natürlich nicht nur entbehrlich, sie gehören auf den hinreichend bekannten Misthaufen der Geschichte.

          So weit die mutmaßlichen Gedanken eines Menschen aus dem vergangenen Jahrhundert, der übrigens selber zum Fortschritt der technischen Kommunikation beigetragen hat, indem er, soweit seine Kompetenzen reichten, eine andere ehrwürdige Institution, das sogenannte Fernamt mit seinen handlichen Steckverbindungen, durch Automaten (Hebedrehwähler System 50) überflüssig und damit das muntere Fräulein vom Amt brotlos machte.

          Was aber die Haltbarkeit der Geräte angeht, die er installierte, hegte mein Vater nicht die geringsten Illusionen. Eine Halbwertszeit von höchstens zwölf Jahren, pflegte er zu sagen, mehr ist nicht drin. So rasch altert der neueste Schrott. Merke dir also eines, hat er mir damals schon eingeschärft: Geduldig ist nur das Papier. Das wissen auch die Evangelisten der Elektronik, und deshalb steigt mit jedem ihrer Fortschritte der Papierverbrauch. Mach es also wie die Bahn mit ihren Fahrplänen: Alles, was du ausdrücken willst, drucke es aus!

          Hans Magnus Enzensberger

          ins lesebuch für die oberstufe

          lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne:
          sie sind genauer. roll die seekarten auf,
          eh es zu spät ist. sei wachsam, sing nicht.
          der tag kommt, wo sie wieder listen ans tor
          schlagen und malen den neinsagern auf die brust
          zinken. lern unerkannt gehn, lern mehr als ich:
          das viertel wechseln, den paß, das gesicht.
          versteh dich auf den kleinen verrat,
          die tägliche schmutzige rettung. nützlich
          sind die enzykliken zum feueranzünden,
          die manifeste: butter einzuwickeln und salz
          für die wehrlosen. wut und geduld sind nötig,
          in die lungen der macht zu blasen
          den feinen tödlichen staub, gemahlen
          von denen, die viel gelernt haben,
          die genau sind, von dir.

          Aus: Hans Magnus Enzensberger, Verteidigung der Wölfe, © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1957

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