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Eine literarische Sensation : Das Geheimnis des Stefan George

  • -Aktualisiert am

Stefan George in seinem letzten Lebensjahr. Er starb 1933 Bild: Stefan George-Archiv Stuttgart

Ein Stück deutsche Geistesgeschichte, das sich liest wie ein Thriller: Die erste Biographie Stefan Georges erzählt von dem geheimnisumwitterten Dichter, aus dessen Dasein Claus Graf Schenk von Stauffenberg die Kraft für das Attentat auf Hitler bezog.

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          Niemandem glauben, der behauptet, Stefan George sei vergessen. Nicht zustimmen, nur weil man seine Gedichte nicht kennt. Georges Werk ist gegen das Vergessen immunisiert wie vielleicht kein anderes. Das hat zu tun mit jener Frühlingsnacht vor dreiundsechzig Jahren, als nach einem verheerenden Bombenangriff in Wannsee ein Oberstleutnant namens Claus Graf Schenk von Stauffenberg auf den Balkon trat, die Brände betrachtete und Verse aus Stefan Georges Gedicht „Der Widerchrist“ zitierte.

          Es hat zu tun mit dem Foto, das den siebzehnjährigen Claus mit George im Berlin der zwanziger Jahre zeigt. Es hat zu tun mit jenem Dezembertag vor vierundsiebzig Jahren, als bei Locarno Claus von Stauffenberg und sein Bruder Berthold die Totenwache am Sarg Stefan Georges hielten - eine Szene, die noch kein Film gebannt hat und die die Grenzen des Vorstellbaren überschreitet: wie da im Winter 1933 die Stauffenbergs inmitten aller George-Freunde, Nazis und Nichtnazis, Verfolgter und fast schon Verfolger, die Wacht halten, wie der Kranz vom Deutschen Reich eintrifft, gesandt vom Genfer Geschäftsträger Ernst von Weizsäcker, eine Ehrenbezeugung, deren Hakenkreuzemblem sofort Streit auslöst.

          Der allerletzte Erbe des Dichters

          Am frühen Morgen, aus dem Exil in Florenz kommend, steht in der Tür der fast erblindete Karl Wolfskehl, so hilflos und hilfsbedürftig, und gleichzeitig so wortstark, dass er manchen der Anwesenden an einen verirrten Homer erinnert. Der jüdische Arzt Walter Kempner ist dabei, der George bis zuletzt versorgt hat. Er wird kurz darauf nach Amerika flüchten, sein Bruder Robert kehrt 1946 als Ankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zurück. Da sieht man Robert Boehringer, ein Nazi-Gegner ohne Kompromisse, er gilt als der schönste junge Mann des George-Kreises und wird der allerletzte Erbe des Dichters. Boehringer wird lange nach dem Krieg dem jungen Richard von Weizsäcker eine berufliche Chance geben.

          Die Eleganz des Dandys steigerte George zur hoheitsvollen Erscheinung
          Die Eleganz des Dandys steigerte George zur hoheitsvollen Erscheinung : Bild: Stefan George-Archiv Stuttgart

          George kann aus Bibliotheken und Buchhandlungen aussortiert und literarisch vergessen werden; aber er ist längst nicht mehr Literatur, er ist durch seinen Zögling Stauffenberg übergetreten ins Reich der Realgeschichte. Aus ihr verschwindet er so lange nicht, solange Hitler nicht aus ihr verschwindet. Der Dichter, der zu Lebzeiten behauptet, keinen Wert auf viele Leser zu legen, braucht kurioserweise keine interessierte Nachwelt, um zu überdauern. Nie wird restlos aufzuklären sein, in welchem Umfang der bereits elf Jahre zuvor gestorbene Dichter die Schritte des Grafen Stauffenberg lenkte; doch dass er und sein Bruder die Kraft für die Tat aus dem Dasein Georges bezogen, ist unstrittig. Unklar war nur, wie weit sich das eifersüchtig von George gehütete „Geheimnis“, die innerste Botschaft seiner Lehre, je würde entschlüsseln lassen.

          Küsse und Jugendwahn

          Was hat er mit den Leuten gemacht? Was meint seine Rede von „Geliebtem“ und „schönem Leben“, diese Küsse und dieser Jugendwahn, welches Mysterium entzieht sich uns bis heute und hat die Jahrhunderttat motiviert? „Das Kapitel deutscher Geistesgeschichte, das ,George - Hitler - Stauffenberg' heißt, wartet noch darauf, geschrieben zu werden“, notierte Sebastian Haffner in seinen „Anmerkungen zu Hitler“.

          Dieses letzte Kapitel liegt nun vor; geschrieben hat es Thomas Karlauf. Heute beginnt die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit dem auszugsweisen Vorabdruck seiner Biographie Stefan Georges. Es gibt bisher keine andere, die den Namen verdiente. Sieben Jahre lang hat Karlauf an dem Buch gearbeitet. Ihm kam zugute, dass das George-Archiv unter der beispielhaft kompetenten Ute Oelmann ihm auch die unveröffentlichten Quellen zugänglich machte. Anders als die Legende es will, stehen die Archive spätestens seit dem Tode von Michael Landmann nicht mehr unter Benutzungsbann.

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