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Roman von Thomas Glavinic : Das allseits unterschätzte Ich

Im Spiegelkabinett des Ich: Thomas Glavinic Bild: Gaby Gerster

Viele Schriftsteller erzählen langweilig von der großen Welt, Thomas Glavinic schreibt packend vom privaten Ich. Sein neuer Roman „Der Jonas-Komplex“ ist umwerfend.

          Es gibt diesen Vorwurf, den man immer hört, wenn Schriftsteller über sich selber schreiben: Wie furchtbar langweilig das sei und ob diese Autoren, wenn sie schon glauben, diese „Nabelschau“ betreiben zu müssen, das Umfeld, in dem sie sich die ganze Zeit aufhalten, nicht mal verlassen und ganz weit weg fahren könnten. Einfach, um etwas anderes zu sehen. „Kann der nicht mal was erfinden, er ist doch Schriftsteller!“, heißt es dann. Als wäre, wer am meisten von sich absehen und sich in andere hineindenken könne, derjenige, der die wahre Literatur schreibe.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Welterkundungs- und Weltvermessungsschriftsteller haben prinzipiell ja einen sehr guten Ruf. Autoren, die sich einem übergeordneten Projekt verschrieben haben. Leute wie Ulrich Peltzer, der für seinen Roman „Das bessere Leben“ im Herbst große Aufmerksamkeit bekam, weil er anhand von zwei global agierenden Figuren aus der Finanzwelt ehrgeizig zu erkunden versuchte, was unsere Welt im Inneren zusammenhält. Oder der Österreicher Norbert Gstrein, der, wenn er in seinem neuen Roman „In der freien Welt“ vom Palästina-Konflikt erzählt, seine Leser weltläufig in immer neue Gegenden führen will: von Kalifornien nach Alaska, Tel Aviv, Jerusalem, ins Westjordanland, ins schottische Hochmoor. Oder natürlich Juli Zeh, deren gerade erschienener Roman „Unterleuten“ über ein Dorf, auf dessen Boden ein Windpark entstehen soll, der Versuch des ganz großen Gesellschaftsromans ist, als Panoptikum angelegt, in jedem Kapitel wechselt sie die Erzählperspektive.

          Die sehr guten Langeweiler

          Peltzer, Gstrein und Zeh, daran gibt es gar keinen Zweifel, können alle drei sehr gut schreiben. Sie scheitern in diesen Romanen allerdings auch alle drei an ihrem Anspruch. Der eine erzählt aufgesetzt fragmentarisch, der nächste transportiert, was man in den Medien erfahren kann, ohne großen Mehrwert ins Literarische. Und die Dritte meint es einfach viel zu ernst mit ihrem Panoptikum, irgendwann steigt man aus. Wenn man böse sein wollte, könnte man sagen: Das sind die sehr guten Langweiler. Alles kompliziert und intelligent konstruiert, aber in der Wirkung an vielen Stellen angestrengt und ausgedacht, so dass, was erzählt wird, im Kopf des Lesers gar nicht wirklich zu leben beginnt.

          Es gibt eine ganze Menge sehr gute Langweiler in der deutschen Gegenwartsliteratur. Und es gibt Autoren, deren erzählte Welt von der ersten Zeile an ein Eigenleben zu führen beginnt, weswegen man sich ihr dann auch nicht mehr entziehen möchte. Autoren, deren Sprache wie selbstverständlich in einen hineinfließt, was nicht daran liegt, dass diese Sprache besonders artistisch wäre, sondern im Gegenteil sehr einfach, unauffällig im Satzbau, in ihrem ganzen Gestus so wenig aufdringlich, man möchte sagen: lässig, weil sie es schafft – wie jemand das mal sehr schön formuliert hat–, „aus der eigenen Perfektion kein Drama zu machen“.

          Vermessung des eigenen Ichs

          Zu diesen Autoren gehört Thomas Glavinic, dessen neuer Roman „Der Jonas-Komplex“ diese Woche erschienen ist. Glavinic, der 1972 in Graz geboren wurde und in Wien und Rom lebt, hat sich keinem übergeordneten Welt- oder Gesellschaftsvermessungsprojekt verschrieben. Was er betreibt, ist vielmehr die Vermessung des eigenen Ichs. Wenn man so will, ist er der Ich-Spezialist unter den deutschsprachigen Schriftstellern, was nicht heißt, dass man, wenn man seine Bücher liest, das Gefühl hätte, den echten Thomas Glavinic besonders zu kennen. Will man vielleicht auch gar nicht.

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