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Dantes Verse : Bilderstrom des Kinos

Dantes Verse Bild: Natascha Vlahovic

Das hätte sich Dante nicht träumen lassen: Mit Kinotechnik setzte man seine Sprachbilder in sichtbare um – und in Bewegung. Welche Commedia-Verfilmungen sind die interessantesten?

          2 Min.

          Und sieh, im Nachen kam herangefahren
          Ein Greis, der ob des Haares Alter weiß war,
          und ausrief: „Weh euch, ihr verruchten Seelen!“

          Maria Wiesner
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ed ecco verso noi venir per nave
          un vecchio, bianco per antico pelo,
          gridando: „Guai a voi, anime prave!“


          (Inferno III, 82–84, übersetzt von Karl Witte)

          Nicht immer ist Florenz der beste Ort, um Dante nahezukommen. Manchmal passiert das auch in Venedig. 2010 zeigte das Filmfestival dort „La commedia di Amos Poe“, eine Annäherung des im Titel genannten New Yorker New-Wave-Regisseurs an Dantes Göttliche Komödie. Was in einem der kleinsten Vorführsäle im Keller des Festivalpalastes lief, war weniger Film als vielmehr Bildcollage: hundert Minuten, 20000 verfremdete Fotos einer Italienreise. Im Stil der berühmten Eadweard-Muybridge-Fotografien, die in Einzelaufnahmen ein Pferd in Bewegung zeigen, arrangierte Poe seine Bilder, ließ Straßenzüge, Menschen, Tiere in ruckelnden Bewegungen zum Leben erwachen. Dazu Dantes Verse (unter anderem vom italienischen Schauspieler Roberto Benigni vorgetragen).

          Poe ist für Filmexperimente bekannt. Zur Terzine vom herannahenden Charon, der den beiden Höllenwanderern erst den Zutritt verweigert und auf Vergils Geheiß doch die Überfahrt gewährt, tanzten feuerrote Bilder auf der Leinwand, bildeten einen vibrierenden Bewusstseinsstrom aus der Hölle. Die Hälfte der Zuschauer verließ den Saal. Wer sitzen blieb und sich dem Bildstrom ergab, musste auch dem Sprachzauber Dantes erliegen. Von den blutigen Höllentiefen bis zu den duftigen Gefilden des Paradieses spinnt er immer zartere Bilder, gleicht die Sprache dem durchwanderten Terrain an.

          Vom Stummfilm bis zur Mörderjagd mit Brad Pitt

          Poe war natürlich nicht der erste Filmemacher, der sich mit Dantes Werk auseinandersetzte. Schon 1911 widmete sich der italienische Stummfilm „L’inferno“ den Geschichten aus den Höllenkreisen. Im Thriller „Seven“ (1995) ermittelten Brad Pitt und Morgan Freeman auf den Spuren eines Serienmörders, dessen Bestrafungen für die sieben Todsünden sich lose an Dantes Beschreibungen orientierten. „Dante’s Inferno“ (2007) nimmt die Handlung mit Papierpuppen auf und fügt den Höllenbewohnern Adolf Hitler hinzu. Und für Lars von Triers „The House that Jack Built“ (2018) braucht mancher ein ähnliches Durchhaltevermögen wie für Amos Poes Bildinstallation, doch hält das Ende dann den Schlüssel zu dieser Dante-Adaption bereit.

          Von Trier schickt keinen Dichter ins Zwiegespräch mit Vergil, er lässt einen Mörder (Matt Dillon) an dessen Stelle treten. Jener Jack prahlt mit seinen Taten, will sie Vergil, dem hier Bruno Ganz in einem seiner letzten Auftritte Gesicht und Stimme leiht, als große Kunst verkaufen. Vergil verwirft das als „eine originelle Variante unter vielen schlechten Ausreden“ für solche Morde und zerstört den Geniewahn: „Alles, was ich sehe, ist ein ausgewachsener Zwangsneurotiker.“ Was bis zum tatsächlichen Abstieg der beiden in die Hölle zu sehen ist, kommt an expliziter Brutalität den blutigen Höllenversen Dantes gleich.

          Der Punkt, an dem sich der Film nach mehr als zwei Stunden munteren Mordens erklärt, hat wiederum mit Charons Boot zu tun. Einem tableau vivant gleich arrangiert von Trier Matt Dillon in der roten Dante-Robe neben Vergil auf Charons Barke. Unterm Bootsrumpf hängen nackte Leiber in manieristischer Verrenkung. Die Sturmwellen peitschen sie in Zeitlupe. Die Einstellung ist gerade lang genug, um sich zu vergewissern, dass hier Eugène Delacroix’ Gemälde „Die Dantebarke“ bis ins Detail nachgestellt wird. Dem Gerede des Mörders, der seinen Taten den Deckmantel der Kunst umhängen will, setzt von Trier die echte Kunst im Bild entgegen. Kunst zerstört nicht in blinder Wut, Kunst erschafft neu.

          Wer sich bis zum Ende wunderte, ob die Figur Jacks nicht doch als verkannter Held missverstanden werden könnte, dem weist Bruno Ganz’ Vergil den Weg und ein Detail, das die Szene vom Übersetzen in Charons Barke deutlich macht. In Dantes Versen weigerte sich der Fährmann zunächst, den Dichter mitzunehmen, denn, so erklärt es Vergil: „Nie fuhr noch fährt ein Guter hier hinüber.“ Den Massenmörder Jack hingegen schickt von Trier ohne Charons Widerworte aufs Boot und in den tiefsten Kreis der Hölle.

          Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

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