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Dantes Verse : Sprache und wir

  • -Aktualisiert am

Dantes Verse Bild: Natascha Vlahovic

Welche Sprache verwendete man im Garten Eden? Dante erfährt es aus erster Hand: von Adam im Paradies. Aber in einer anderen Sprache.

          2 Min.

          Werk der Natur ist’s, dass die Menschen sprechen;
          Allein, ob so, ob so, das überlässt sie
          Euch selber dann zu tun, so wie’s euch gut dünkt.

          Opera naturale è ch’uom favella;
          ma così o così, natura lascia
          po fare a voi secondo che v’abbella.

          (Paradiso XXVI, 130–132)

          Überall begegnen Dante Dichter, in der Hölle verstummt er manchmal vor Mitleid, im Purgatorium tauschen Autoren Höflichkeiten wie auf einem Literaturfestival aus. Die leuchtenden Himmelsbewohner belehren den Weltenwanderer, prüfen ihn. Nur mit dem allerersten seiner Zunft führt er im Paradies ein Fachgespräch, mit Adam, dessen Aufgabe im Garten Eden die Benennung aller Dinge gewesen ist. In welcher Sprache?, will Dante wissen. Adam erklärt, die sei bereits vor der babylonischen Sprachverwirrung erloschen, weil Menschen neuerungssüchtig sind.

          In seiner Abhandlung „De vulgari eloquentia“ (Über die Redegewandtheit in der Volkssprache) behauptet Dante hingegen, die erste Sprache, und diese sei Hebräisch, habe sogar den Turmbau zu Babel überstanden. Dass die „richtigen“ Antworten in der „Commedia“ ab und zu von Dantes eigenen theoretischen Schriften abweichen, macht diese vielleicht kühnste Autofiktion aller Zeiten noch glaubwürdiger.

          Unmittelbar vor der Begegnung mit Adam muss Dante vor dem Apostel Johannes beteuern, er sei frei von der sinnlichen Liebe, was Engel und Beatrice mit einem dreifachen „heilig!“ besiegeln. Bei aller Herrlichkeit der Szene – wir Leser befinden uns nicht in der achten Himmelssphäre und spüren, dass auf irgendeiner Ebene die „Commedia“ ein trauriges Gedicht über freundlich abgewiesene Liebe ist (so hat sie auch der große Leser Jorge Luis Borges gesehen). Von dem Aufstieg Dantes in den Himmel durch Beatrices Augen bis zum Abschied von ihr wird dem prächtigen Lichtschauspiel des Paradieses eine erotische Anspannung beigemischt. In einigen Epochen wird Erotik mit Mystik verbunden, in anderen mit Philosophie und immer mit der Kunst.

          Die dreizeilige Terzine passt hervorragend zum dreieinigen Dante: dem Philosophen / dem Mystiker / dem Poeten. Oder dem Liebenden / dem Wagenden / dem Demütigen. Insgesamt durchtränkt der Dreierrhytmus das ganze Werk. Alle drei Cantos 26 spielen mit der Mehrsprachigkeit der Welt: Im Paradiso nennt Adam den Namen Gottes auf Hebräisch; im Inferno übernimmt Vergil das Gespräch mit Odysseus wegen des Griechischen; im Purgatorio sprich der Troubadour Arnaut Daniel Provenzalisch. Das Spiel wird fortgesetzt (als würden Dantes Gedächtnis/Intellekt/ Willen, die Triade aus Canto 24 des Purgatoriums, weiter wirken): Anfang der Dreißiger, wenige Jahre, bevor er in der Gulag-Hölle umkommt, lernt Ossip Mandelstam Italienisch, um Dante im Original zu lesen, und schreibt „Gespräch über Dante“, das Mandelstams eigene Poetik vorstellt und von solcher Spannung und Dichte ist, dass sich jeder Leser unter Strom fühlt. Mandelstams Dante erinnert an den Protagonisten seiner Prosa, einen zwischen Demut und Hochmut zerrissenen jungen Mann, einen Juden, der vor der anziehenden und erschreckenden aristokratischen Glanzkultur verängstigt ist und versucht, seine Würde zu bewahren. Das Verblüffendste daran ist, dass Dante eine Figur geschaffen hat, mit der sich andere Dichter über Jahrhunderte und Sprachbarrieren hinweg identifizieren. Poesie als Überwindung des babylonischen Fluches.

          Die Frage nach der ersten Sprache war für Dante die Frage nach der Sprache Gottes. Adam nimmt das nicht allzu ernst und erklärt, dass die Art, wie Menschen sprechen, ihrem Gutdünken überlassen sei. Und das ist großartig, das heißt: dem freien Willen, den wir auch in Gebrauch nehmen. Zu Dantes Zeiten entstand große Dichtung in außerhalb der Klöster und Universitäten gesprochenen Volkssprachen. Heute experimentieren die innerhalb der Universitätsmauern Lehrenden und Studierenden mit Abstraktionen. Die Mode eben, auch das wird vorübergehen, würde Adam meinen, der uns auch die Vorstellung von der Multilingualität Gottes erlaubt. Ich denke, während die „Commedia“ entstand, sprach Gott Dantes Italienisch. Aber als Matsuo Basho das Frosch-Haiku schrieb, sagte er auf Japanisch: „Keine Terzine, aber immerhin ein Dreizeiler!“ Als Mandelstam starb, weinte Gott auf Russisch. Und mit Celan las er Deutsch. Und heute? Ich glaube, er wartet ab.

          Olga Martynova ist Schriftstellerin.

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