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Dantes Verse : Der Klang der Hölle

  • -Aktualisiert am

Dantes Verse Bild: Natascha Vlahovic

Die Commedia ist auch ein akustisches Spektakel. Dante lässt auf seine Leser alle Klänge der Hölle los und erschafft ein synästhetisches Erlebnis.

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          An einen Ort bin ich gekommen,  an dem alles Licht verstummt ist,
          wo es braust wie Meer bei Gewitter, wenn widrige Winde toben.

          Io venni in luogo d’ogni luce muto,
          che mugghia come fa mar per  tempesta,
          se da contrari venti è combattuto.

          (Inferno V, 28-30, übersetzt von Hartmut Köhler)

          Das Inferno ist ein Ort akustischer Überwältigung. Zu Beginn des vierten Canto reißt ein Donnerschlag Dante aus der Ohnmacht, die ihn bei seiner Überfahrt über den Höllenfluss Acheron übermannt hatte. Schon zuvor herrscht im Limbo ein Getöse aus Wehklagen, schrillen Stimmen und Schmerzensschreien, am Saum des Höllentrichters schlägt den beiden Wanderern dann der betäubende Widerhall endloser Klagen („infiniti guai“) entgegen. Doch es sind nicht nur die Klagelaute der Gemarterten, die den Klang der Hölle ausmachen. Es ist auch das Brausen des Meeres bei Gewitter, das höllische Rasen, das die Seelen durch die Luft wirbelt, das schauerliche Rauschen eines Flusses. Es sind die Laute des Zerbrechens und Zerreißens im Gestrüpp der Selbstmörder, das Niederprasseln des Feuers, der tosende Wasserfall, der jede Kommunikation unmöglich macht, das ohrenbetäubende Horn am Eingang zum innersten Höllenkreis und das Zähneklappern der im Eissee Gequälten, das wie das Schlagen von Storchenschnäbeln klingt.

          All diese Klänge rufen beim Höllenwanderer Dante zuweilen überwältigende Gefühle hervor, wie der Romanist Francisco Ramírez Santacruz betont. Zu hören bedeutet im Inferno neben Mitleid auch Angst und Pein. Beim Gang zur Höllenstadt Dite, Ort der gewalttätigen Sünder, trifft ein schmerzhafter Klang Dantes Ohren, im Canto XXIX muss er sich gar die Ohren zuhalten, als ihn „pfeilgleich mannigfache Klagerufe, mitleidbeschlagen an den Spitzen“, treffen, um nicht von diesem Klang ein weiteres Mal niedergeworfen zu werden. Der Klang der „parole maledette“ (verfluchten Worte) in Dite lassen ihn an seiner Mission zweifeln, beim schrillen Kreischen der Erinnyen klammert er sich schutzsuchend an seinen Begleiter Vergil, fast wie ein kleines Kind.

          Die Schrecken hören, noch bevor man sie sieht

          Verstärkt wird diese akustische Überwältigung im fünften Canto durch eine zweite Sinneserfahrung: „An einen Ort bin ich gekommen, an dem alles Licht verstummt ist.“ Das „luce muto“ ist eine Steigerung der Ankündigung Dantes vor dem Betreten des zweiten Höllenkreises, er komme nun in einen Raum, „wo nichts mehr ist, das noch leuchten kann“. Inmitten des Höllenbrausens erlischt das Licht nicht einfach, sondern verstummt und wird auf diese Weise synästhetisch mit dem Hörsinn verknüpft. Den schärft die vollkommene Dunkelheit und macht sein Erleben noch quälender. Es braust „wie Meer bei Gewitter, wenn widrige Winde toben. / Das höllische Rasen, das niemals innehält“. Es ist wohl nicht zuletzt die Intensität dieser Sinneserfahrung, die Dante zu Fall bringt, denn sie ruft die Selbstverlorenheit (Karlheinz Stierle) des Dichters zu Beginn der Commedia in Erinnerung. Eine Intensität, der Ezra Pound, der sich dieses Verses als Beginn seines Canto XIV bedient, trotz aller Sprachmacht seiner Höllenversion nicht begegnen kann.

          Häufig hört Dante die kommenden Schrecken, bevor er sie überhaupt sieht, wie etwa beim Betreten der Vorhölle, oder als er im Schurkenzwinger zunächst vernimmt, wie die Schmeichler „schnüffeln, grunzen, schmatzen“, was auch der Text selbst zum Klingen bringt: „col muso scuffa“ oder „sbruffa“. Die Sünden sind oft verknüpft mit dem Vermögen, sich zu artikulieren, und dies zeichnet Dante lautmalerisch nach: Die Habgierigen gurgeln ihren Lobgesang aus dem Rachen („si gorgoglian nella strozza“), die gefallenen Engel können nur zornig („stizzosamente“) brüllen, im Gestrüpp der Selbstmörder sind Keuchen und Röcheln zu hören. Im Innersten der Hölle aber sprechen die Sünder nicht mehr, es weht nur ein eisiger Wind. Den Ausgang aus der Hölle jedoch hören Dante und sein Begleiter abermals, bevor sie ihn sehen. Das Rauschen eines Flüsschens weist ihnen die Richtung zu jenem verborgenen Pfad, der sie weg von den endlosen Klapper- und Klagelauten hin zur lichten Welt („chiaro mondo“) führt.

          Birte Förster ist Historikerin an der Universität Bielefeld.

          Alle bisherigen Folgen unserer Serie und einen Link zu Übersetzungen finden Sie unter www.faz.net/dante.

          Im Oktober wird die komplette Serie Dantes Verse als Buch beim Wallstein Verlag erscheinen.

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