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Dantes Verse : Dantes Vogelweide

  • -Aktualisiert am

Bild: Natascha Vlahovic

Ihr Flug und ihr Gesang: Was Dante in seiner Commedia an den Vögeln inspiriert hat.

          3 Min.

          Wie die Lerche erst singend
          in die Luft steigt und dann schweigt,
          berauscht von der äußersten Süße, die sie sättigt

          Quale allodetta che in aere si spazia
          prima cantando, e poi tace contenta
          dell’ultima dolcezza che la sazia

          (Paradiso XX, 73–75, übersetzt von Kurt Flasch)

          „So sah ich.“ Um die Distanz zu seinen erdenfernen Schauplätzen zu mildern, greift Dante oft zu Vergleichen, die zeigen, dass er nicht nur an den fernen Schauplätzen seiner Commedia ein genauer Beobachter ist, sondern auch in unserer Welt: „Wie Kraniche dahinziehen, in der Luft eine lange Reihe bilden und ihr Klagelied singen“, beschreibt er im Inferno (V, 46) den Flug der wegen fehlgeleiteter Liebe verfluchten Seelen. Im Inferno sind dies „trostlose Tiere“, wie Jan Brachmann in dieser Serie ausführte. Doch wie „ein Auge einem Falken folgt, der fliegt“ (Paradiso XVIII, 44), ließen Vögel Dante nicht los, und sie finden sich als einzige Tiere der Schöpfung in allen Teilen der Commedia wieder.

          Besonders faszinieren ihn die riesigen Vogelschwärme, zu denen sich im Herbst über den Feldern die Stare sammeln. Im Inferno visualisieren sie die Ausgesetztheit der Seelen, „dahingetragen von ihren Flügel in breitem, dichten Zug, so treibt der Sturm die schlechten Seelen hierhin, dorthin, nach unten, nach oben“ (Inferno V, 40). Im Paradiso greift Dante das Bild wieder auf, diesmal für den Flug der Seligen, die im schwerelosen Raum ein Schriftbild nachstellen: „Und wie Vögel, die vom Ufer aufgestiegen sind und – als wünschten sie sich Glück zum gefundenen Futter – bald einen Kreis, bald eine andere Figur bilden, so sangen die heiligen Geschöpfe in diesen Lichtern und formten im Flug bald ein D, bald ein I oder L“ – die ersten drei Buchstaben von Dantes Mahnung an Könige und Kaiser: „diligite iustitiam . . .“, „Liebt die Gerechtigkeit“ (Paradiso XVIII, 73). Murmurations heißen auf Englisch diese „flüsternden“ Vogelwolken, die durch den verblüffend synchronen Flügelschlag Tausender von Vögeln entstehen – flirrende Mobiles aus Silhouetten, die Dante am Horizont abgeernteter Äcker der Toskana oder der Maremma bewundern konnte.

          Nicht nur Kraniche, Stare, Sperber und Falken, auch Amseln, Krähen, Schwalben und Störche finden sich in der Commedia wieder. Bei der Taube beobachtet Dante die Plötzlichkeit, mit der der vorsichtige Vogel bei nahender Gefahr vom Futter aufstiebt, aber auch, wie er „stolz“, „orgoglio“ (Purgatorio II, 126), um ihre Gefährten streicht, ein Wort, das das Gurren onomatopoetisch wiedergibt.

          Der vielleicht schönste lautmalerische Vers ist im Paradiso der Lerche gewidmet. „Wie die Lerche erst singend in die Luft steigt und dann schweigt“: Zunächst über dem Acker laut singend – cantando –, um dann zufrieden zu verstummen, tace contenta, und sich im Sinkflug fallen zu lassen: „berauscht von der äußersten Süße, die sie sättigt“. Die seidig auf- und absteigende Assonanz von cantando / contenta wird im folgenden Vers mit einer Vokalreihe fortgesetzt, „dell’ultima dolcezza che la sazia“, durch die Dante den wirbelnd trillernden Gesang, dessen Schönheit sein Ohr bezirzt, akustisch in das Gedicht einschreibt.

          Das Lied der Lerche hat Dante nicht nur auf seiner erzwungenen Wanderschaft gehört. Sein Vorbild, der Troubadour Bernart de Ventadorn (um 1135 bis 1195), hat es ihm als Bild von äußersten Glück souffliert. „Can vei la lauzeta mover“ heißt dessen 850 Jahre altes Lied: „Wenn ich sehe, wie die Lerche ihre Flügel schlägt / aus Freude über der Sonne Strahlen, / Wenn sie sich selbst vergisst / und sich fallen lässt“ – Per la doussor c’al cor li vai –, „denn die Süße dringt ihr ins Herz.“

          Der Vers spricht von der Überwältigung durch Gesang. Welch andere Evidenz kann ein Dichter für das Gelingen eines Verses finden als die musikalische Kongruenz von Ton und Schrift, die ihn selbst verwundert zum Verstummen bringt, tace contenta? Als Besucher des Paradiso kann Dante nicht alles Licht ertragen und nicht alle Klänge vernehmen, denn „dein Ohr ist sterblich, so wie auch dein Auge“ (Paradiso XXI, 61, hier im Gegensatz zu allen andren Dante-Passagen nicht von Kurt Flasch ins Deutsche gebracht, sondern von Hermann Gmelin). Aber er erlauscht im Gesang der Lerche einen Abglanz himmlischer Klänge und übersetzt paradiesische Assonanzen in Vogelvokale. Im Lesen singen sie mit.

          Hans Jürgen Balmes ist Publizist und Übersetzer.

          Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

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