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Dantes Verse : Wie uns Dante schmückt

Dantes Verse Bild: Natascha Vlahovic

Die Nachwirkung der Göttlichen Komödie ist erstaunlich. Aber wer hätte erwartet, dass sich eine Designerin von Dantes Buch zu einer Schmucklinie inspirieren lässt?

          2 Min.

          Es war, als käm’ er auf mich losgegangen,
          erhabnen Haupts, gereizt von wildem Hunger,
          so, daß die Luft selbst vor ihm her erbebte

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Questi parea che contra me venesse
          con la test’alta e con rabbiosa fame,
          si che parea che l’aere ne temesse

          (Inferno I, 46–48, übersetzt von Philalethes)

          „Bevor ich ,Alighieri‘ gründete, fühlte ich mich verloren“, sagt die britische Designerin Rosh Mahtani über die Ursprünge ihres Schmucklabels. Und beweist: Um sich mit Dante und dem von ihm in der Göttlichen Komödie eingangs beschriebenen Gefühl der Orientierungslosigkeit zu identifizieren, muss man weder ein Mann, noch aus Florenz oder in die Vergangenheit eingesponnen sein. Es braucht nur eine für Sprachkunst empfängliche Seele. In der brachte es etwas zum Klingen, als Rosh Mahtani sich im Abschlussjahr ihres Literaturstudiums an der Universität Oxford in die Divina Commedia vertiefte – und regelrecht in deren Gesängen verlor.

          Wie finden wir unseren Weg? Was macht uns aus? Was lernen wir unterwegs? Welches Erbe tragen wir bei uns? Wo kommen wir an? Rosh Mahtani hat indische Wurzeln, wurde in London geboren und hat ihre ersten Lebensjahre in Sambia verbracht, bevor es zurück in die britische Hauptstadt ging. Als junge Erwachsene lebte sie zeitweise in Frankreich und Italien, heute wohnt sie wieder an der Themse. Das Leben als Reise, auf der man sich fern bekannter Pfade wie in einem dunklen Wald wiederfinden kann, aus dem furchteinflößend ein Pardel, ein Löwe und eine Wölfin brechen, in dem aber auch ein Begleiter wartet, der den Weg weist: Was für Dante Vergil war, wurde für Rosh Mahtani allein mit der Frage, was nach dem Studium werden sollte, Dante.

          Sie selbst erzählt die Geschichte in Interviews ungefähr so: Noch liebäugelnd mit Modedesign, hatte sie einen Job im Onlinehandel für Accessoires, als sie nach einer Trennung Trost in der Göttlichen Komödie suchte und einen Kurs für Wachsmodellage belegte. Der Wald des Verlorenseins lichtete sich. Ohne Erfahrung im Goldschmieden beschloss sie, ein Schmuckstück für jeden der hundert Gesänge der Commedia zu fertigen. Aus zehn im Freundeskreis verteilten Prototypen wurden bald mehr. 2014, da war sie Mitte zwanzig, gründete Rosh Mahtani ihre Firma Alighieri mit Sitz und handwerklicher Fertigung im traditionellen Londonder Schmuckquartier Hatton Garden, nicht möglichst preiswert in Fernost.

          Eines der ersten Teile war das Medaillon „Il Leone“. Bewusst unvollkommen einer venezianischen Münze von 1778 im Wachsausschmelzverfahren mit Bronze abgeformt und in 24 Karat vergoldet, zeigt es einen schreitenden Löwen. An einer Gliederkette soll der je nach Größe dezente oder wuchtige Anhänger Träger gleich welchen Geschlechts daran erinnern, dass es ohne Mut im Leben nicht vorangeht. Der entsprechende Vers aus dem Ersten Gesang der Divina Commedia wird dazu auf der Website im Original zitiert.

          Rosh Mahtani bediente aus dem Stand heraus gleich mehrere Trends: die Tendenz zum Schmuckstück als Talisman, zu glänzendem Gelbgold und Münzanhängern nach antikem Vorbild; die Nobilitierung von Vergoldetem als It-Piece von Influencern und Prominenten; der Wunsch nach Handgemachtem, Individuellem, Nachhaltigem. Alighieri arbeitet mit recyceltem und verantwortungsvoll gewonnenen Materialien und steht mit einer breiten Preisspanne für skulpturale Statement-Stücke zwischen Modeschmuck und Edlem, die mit Kulturgeschichte protzen und privaten Bedeutung annehmen können.

          „Moderne Erbstücke“ will Rosh Mahtani schaffen, die vom Dasein schon bei der ersten Begegnung mit ihnen mitgenommen scheinen, wie die Figuren Dantes. Der „Infernal Storm“-Ring wirkt wie in glühendem Fluss zum Erstarren gebrachtes Metall und spielt auf den Gesang an, in dem Paolo und Francesca im Wirbel der unerlösten Seelen tanzen. Mit dem Anschein der Verflüssigung, des Ramponierten und Schein-Antiken spielt auch die „Woven History“-Armspange. Sie erinnert an den Ghibellinen Buonconte da Montefeltro, den im „Inferno“ eine einzige Träne vor der Hölle rettet. Tränen dürfte Rosh Mahtani angesichts ihres stetig wachsenden Geschäfts nur mehr vor Glück weinen müssen. 2020 wurde sie überdies als erste Schmuckdesignerin mit dem Queen Elizabeth Award ausgezeichnet. Vom Inferno ins Paradies mit Dante – so kann es auch gehen.


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