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Dantes Verse : The grete poete of Ytaille

Dantes Verse Bild: Natascha Vlahovic

Kaum jemand entwickelte eine solche Begeisterung für Dantes Commedia wie der englische Schriftsteller und Künstler William Blake. Er brachte sich selbst Italienisch bei, um das Buch zu lesen.

          3 Min.

          Mach du dich daher auf und hilf ihm mit deinem kunstvollen Wort und mit dem, was es zu seiner Rettung braucht, damit ich beruhigt sein kann.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Or movi, e con la tua parola ornate
          e con ciò c’ha mestieri al suo campare,
          l’aiuta sì ch’i‘ ne sia consolata.

          (Inferno II, 67–69, übersetzt von Hartmut Köhler)

          Die Divina Commedia findet in die eng­lische – wie in die deutsche – Sprache erst um die Wende zum neunzehnten Jahrhundert, da ist sie schon lange ins Lateinische (1417), Kastilische (1428), Katalanische (1429) und Französische (1597) übersetzt. Doch bereits Chaucer rühmt in seinen Canterbury Tales (1399) „the grete poete of Ytaille“ (den großen Dichter Italiens), und auch Milton muss – anders als Shakespeare – Dantes Epos gelesen haben, in „Para­dise Lost“ (1667) hallen Echos. Die Verspätung bei der Übersetzung hat mit dem Katholizismus zu tun; Henry Boyd, ein irischer Kleriker, bricht 1802 den Bann. Gegen dessen Annäherung in sechszeiligen Strophen tritt 1814 Henry Francis Cary an, der den Blankvers wählt und romantischen Leseerwartungen schon im Titel („The Vision“) entgegenkommt.

          Davor wird die Commedia in Bilder übersetzt: Johann Heinrich Füssli, von 1770 bis 1779 in Italien, skizziert ­Szenen des Inferno mit Bleistift und Feder, und der Bildhauer John Flaxman, der 1787 nach Rom zieht und ­sieben Jahre bleibt, fügt 111 Umrisszeichnungen zu einem Zyklus, der die Dante-Illustration nach Europa öffnet. August Wilhelm Schlegel zeigt sich 1799 davon beeindruckt. Anregungen nehmen die Nazarener, aber auch ein Künstler auf, der für Flaxman graviert und Füssli den „einzigen Mann“ nennt, „der mich nicht beinah zum Speien gebracht“: William Blake (1757 bis 1827) wird von Dante zu einem allegorischen, ekstatisch kühnen Bilderkosmos beflügelt.

          In Soho geboren, der Vater Strumpf­warenhändler, die Mutter eine non­konformistische Protestantin, lernt ­Blake Kupferstecher, bevor er die Akademie besucht. Anders als für Flaxman, anders als für Byron, Shelley oder Keats bleibt die Grand Tour außer Reich­weite. Der Parteigänger der Franzö­sischen Revolution soll Thomas Paine Unterschlupf gewährt haben, Miltons Satan erhebt er zum Symbol der Re­bellion. Mit den „Songs of Innocence and of Experience“ (1789/94) erfindet er neuartige Bildgedichte. Dass ihn sein junger Kollege John Linnell 1824 beauftragt, die Commedia zu illustrieren, nimmt er als Herausforderung zum Paragone: Er legt 102 Blätter – zweiundsiebzig zum Inferno, zwanzig zum Purgatorio, zehn zum Paradiso – an und führt sie unterschiedlich weit aus; nur elf signiert er, nur sieben aquarelliert er zu Ende.

          Blake lernt die Commedia in Boyds Übersetzung kennen und ist so fasziniert, dass er sich Italienisch beibringt. In Anmerkungen äußert er Bewunderung für die Dichtung – und Kritik an den theologischen und politischen Ansichten: Dantes Inspiration ist die Natur und nicht der Heilige Geist, schreibt Blake; jedes Buch, das für die Vergeltung der Sünden und gegen ihre Vergebung ist, steht für ihn im Widerspruch zu Gottes Barmherzigkeit. Seine Illustrationen übersetzen die Dichtung nicht nur in eigenwillige Bilder, sie deuten Dante auch um.

          Explizit geschieht das in Inferno II, 67–69: Wenn Beatrice Vergil bittet, mit seinem kunstvollen Wort Dante zu helfen, zeigt Blake ihn am Eingang zur Hölle, flankiert von zwei in lodernden Flammen hockenden Riesen, hinter ihm steht Vergil, der, schon eine Stufe weiter, den Weg weist, links treten die drei wilden Tiere aus dem Wald, und halbrechts schwebt Beatrice in einer Wolke. Über dem Höllentor – auf der oberen Hälfte des Blattes – aber herrscht ein bärtiger Alter, der seine Unterdrückerarme ausbreitet und mit Bleistift als „The Angry God of this World“ apostrophiert wird. Zu seinen Füßen kniet ein gekrönter Mann mit Lilien und Malteserkreuz auf dem Leib und einem Weihrauchschwenker in der Hand.

          Der zornige Gott entstammt Blakes eigener Mythologie: Es ist Urizon, ein falscher Gott, der für Rationalität und abstrakte Vernunft steht, dem die irdischen und geistlichen Mächte huldigen. Subtil kritisiert Blake die erste Begegnung Dantes mit Beatrice, Purgatorio XXIX–XXXII, die er als Unterwerfung sieht: Die Hure Babylon zeigt er mit der zum Rad gerollten Schlange, so dass sie als Parodie der (auf dem Bild davor) von ihrem Wagen sprechenden Beatrice erscheint.

          Blake ist mit Dante nicht fertig geworden – im doppelten Wortsinn. Über der Arbeit an der Commedia ist er gestorben. Der Dialog hat Dante-Illustrationen hervorgebracht, die, obwohl unvollendet, unübertroffen sind.

          Andreas Rossmann ist Publizist. 2017 erschien sein sizilianisches Tagebuch „Mit dem Rücken zum Meer“.

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