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Dantes Verse : Psychoanalyse als Unterweltreise

  • -Aktualisiert am

Bild: Natascha Vlahovic

Ein besonders aufmerksamer Leser der Commedia war Sigmund Freud. Sie war ihm nicht nur Begleiter während seiner Italien-Reisen.

          3 Min.

          Dort schritten wir hinaus, zu schauen die Sterne.

          E quindi uscimo a riveder le stelle.

          (Inferno XXXIV, 139, übersetzt von Hartmut Köhler)

          Im September 1907 reist Sigmund Freud zum dritten Mal in sein geliebtes Rom und lässt sich, wie Goethe das nannte, von den Musen und Grazien durch die Stadt hetzen. Stolz meldet er seiner Frau Martha in die Wiener Berggasse, dass er sich längst wie ein Einheimischer durch die Stadt bewege. Da am Nationalfeiertag der Italiener am 20. September zu seinem großen Kummer die Museen geschlossen sind, mietet der inzwischen weltberühmte Nervenarzt eine Droschke und lässt sich zur Via Appia kutschieren. Er hat eine Fremdenführerin engagiert, die ihm dort das unterirdische Rom zeigen soll: die ältesten römischen Columbarien aus dem ersten Jahrhundert sowie die christlichen und jüdischen Katakomben, obwohl ihm Gräber und Beerdigungen, vor allem jüdische, zeitlebens verhasst waren.

          Beim Aufstieg aus der kalten und finsteren Unterwelt, die ihm ein eigentlich ein Missvergnügen ist, fällt ihm durchaus nicht zufällig der Schlussvers aus Dantes „Hölle“ ein: „E quindi uscimmo per riveder le stelle“ – nicht weiter überraschend für einen Mann von stupender Gelehrsamkeit, der seinen Dante im Original lesen konnte wie die lateinischen und griechischen Klassiker im Übrigen auch. In Freuds Bibliothek, die heute in seinem Londoner Haus aufbewahrt wird, findet sich noch die von ihm benutzte dreibändige Ausgabe der Commedia, die er als Student im September 1876 antiquarisch in Triest erworben hatte und aus der er bei passender Gelegenheit zu zitieren verstand. Dante im Kopf zu haben war in der gebildeten Gesellschaft damals nicht unüblich. Doch von allen Reisenden, die aus dem kalten Norden über die Alpen in den Süden pilgerten, ist wohl niemand gründlicher vorbereitet nach Italien aufgebrochen als Sigmund Freud.

          Die Kenntnis der Commedia galt ihm dabei als selbstverständlich. Umgekehrt ließe sich sogar argumentieren, dass Dante und dessen Reise mit Vergil in die Unterwelt ein nicht zu unterschätzendes und von Freuds Biographen oft übersehenes Motiv seiner geradezu verrückten Italienliebe war. Selbstverständlich standen das Grab des „gigantischen Dante“ sowie ein von ihm „besungener Pinienwald“ beim Besuch von Ravenna im September 1896 auf dem Programm. Und bei passender Gelegenheit, wie etwa in seiner Studie über Leonardo da Vinci, baute er einige Verse der Zornesrede des heiligen Petrus gegen seinen unwürdigen Stellvertreter auf Erden aus Dantes „Paradiso“ beiläufig ein, um im vorliegenden Fall die Perseveration zu erläutern.

          Die Commedia faszinierte Freud als Summe des naturwissenschaftlichen, philosophischen und theologischen Wissens ihrer Zeit ebenso wie die extreme, phantastische, ungezähmte und ungenierte Welt, die der Jenseitserzähler als ein einziges Tohuwabohu des Höllensturms der Wollüstigen vor seinem Publikum ausbreitete. Das Personal war Freud vertraut: von den Dichterfürsten des Altertums (Homer, Horaz und Ovid) bis zu den Meisterdenkern Platon und Aristoteles, von Kleopatra, Helena und der Dido des Aeneas bis hin zum ehebrecherischen Liebespaar Francesca und Paolo, deren ineinander verschlungene Körper durch das Inferno schweben. Schon während Freuds Selbstanalyse und noch deutlicher bei der Konzeption seines Großwerks, der 1900 veröffentlichten „Traumdeutung“, erscheint Dante geradezu wie ein imaginärer Vorfahre. Das Motto seines Jahrhundertbuchs hatte Freud der „Aeneis“ des Dante-Begleiters Vergil entnommen: „Flectere si nequeo superos Acheronta movebo“ (Wenn ich die Götter nicht in Bewegung bringen kann, werde ich die Unterwelt aufwühlen). Mit guten Gründen, denn seiner Ansicht nach fasste der Satz in gebotener Kürze die Hauptthese der „Traumdeutung“ zusammen: dass die Wunschregung, die von „oberen Instanzen“ zurückgewiesen wird, die „seelische Unterwelt in Bewegung setzt, um sich zur Geltung zu bringen“.

          Bekanntermaßen nahm der Begründer der Psychoanalyse an, dass im Seelenleben des Menschen nichts von dem, was einmal gebildet wurde, untergehe und es unter geeigneten Umständen wieder zum Vorschein gebracht werden könne. Man müsse nur – in der Art der Archäologen – hinabsteigen in die Unterwelt und zutage fördern, was dort verborgen liegt. Die daraus resultierende Metapher der Psychoanalyse als Reise in die Unterwelt gilt mittlerweile als Allgemeinplatz. Der Aufstieg aus der Unterwelt funktioniert bei Freud wie bei Dante: hin zu den Sternen!

          Jörg-Dieter Kogel war Programmleiter des Nordwestradios und ist Mitglied des Vorstands der Woflgang-Koeppen-Stiftung.

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