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Dantes Verse : Im Epos der Grausamkeit kocht das Blut

Dantes Verse Bild: Natascha Vlahovic

Nicht nur eine Frage der Übersetzung: Wie geht man mit Dantes blutigen Schilderungen um?

          2 Min.

          Was ich nun an Blut und Wunden sehen musste,
          wer könnte es jemals angemessen sagen,
          selbst in ungebundener Rede, selbst mehrmals erzählt?

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Chi porìa mai pur con parole sciolte
          dicer del sangue e delle piaghe a pieno
          ch’i’ ora vidi, per narrar più volte?

          (Inferno XXVIII, 1–3, übersetzt von Hartmut Köhler)

          An die Frage, ob man die ausgesuchten Grausamkeiten und vielfältigen Brutalitäten von Dantes Inferno in ungebundener Rede, also verslos, besser ausdrücken könnte als mit den Terzinen der Commedia, hat sich eine kleine Diskussion geheftet: Will Dante sagen, ohne Reim und Metrum komme man näher an die Wahrheit der geschilderten Szenen heran? Große Autobiographen wie Primo Levi, die in dem Florentiner den zuverlässigsten Kronzeugen für die Möglichkeit der Gewaltdarstellung überhaupt erkannten, sahen es anders. Nehmen wir uns die ersten drei Zeilen von Canto 28 des Inferno noch einmal vor, diesmal in der Versfassung von Wilhelm G. Hertz: „Wer könnte wohl, selbst wenn er Prosa wählte, / Von allem Blut und allen Wunden sagen, / Die ich erblickt’, so oft er’s auch erzählte!“ Die Stelle gehört zu den geglückteren dieser Übertragung, auch wenn eine Wendung wie „die ich erblickt’“ eher dem stilistischen „Trödelkram“ zuzurechnen ist, der Hartmut Köhler bewog, die Commedia in gelenkige deutsche Prosa zu übersetzen.

          Und natürlich erzählt der Autor, der vor mehr als siebenhundert Jahren Zweifel an der Sagbarkeit säte, das Sagbare noch am besten. Das „Blut“ in seinen Versen ist genauso beim Wort zu nehmen wie das Blut in Shakespeares „Macbeth“: Alles ist rot, glitschig, das Innerste nach außen gekehrt, und der Saft, den wir so sorgfältig im Körper hüten, strömt bei Dante vor unseren Augen dahin. Im zwölften Gesang steigen der Pilger und Vergil in den ersten Ring des siebten Kreises hinab, wo die Mörder und Diktatoren buchstäblich in dem Blutstrom sitzen, den sie im Leben angerichtet haben. Erst müssen die Wanderer am Minotaurus vorbei, doch dann sehen sie ihn, den Fluss aus Blut („la riviera del sangue“), und schon kommen Zentauren mit Pfeil und Bogen, um alle Schuldigen zu beschießen, die sich höher aus dem Blut erheben wollen, als ihre Strafe ihnen vorschreibt.

          Dann wird die Bluthölle ausgemalt. Chiron, Anführer der Zentauren, lässt sich zu ein paar Erklärungen herab, und schon entstehen vor unseren Augen Bilder der Unterwelt, die schockierend konkret sind. „Dort drüben“, sagt Chiron, „schwimmt Alexander, da der grausame Dionys, der Sizilien qualvolle Jahre brachte“ (Köhler nennt ihn so, wie es Schiller in der „Bürgschaft“ tat). Und sie schwimmen tatsächlich! Kurz darauf gibt Chiron dem Pilger den Nessus als Reitpferd mit, damit Dante es überhaupt durch den

          „roten Siedestrom“, den „heißen Sud“ schafft, in welchem „die Gesottenen schrille Schreie ausstießen“. Die weniger Schlimmen unter den Bösen dürfen immerhin den Oberkörper aus der Brühe ragen lassen. Und dann, heißt es, „wurde der Blutstrom nach und nach seichter, bis er nurmehr die Füße kochte“. Dass Dante in Teilen ein Splatter-Movie geschrieben hat, erkennt sein Übersetzer dadurch an, dass er in seinen gelehrten Kommentaren auch auf den amerikanischen Thrillerautor Thomas Harris und seinen blutdürstigen Killer Hannibal Lecter verweist.

          Viel später, als gegen Ende des Aufstiegs zum Läuterungsberg, im dreißigsten Canto des zweiten Teils, Beatrice erscheint und Dante sich an Vergil wenden will, um ihm von seinen Emotionen erzählen, ist sein Begleiter verschwunden, doch die Worte hallen in seinem Inneren: „Kein Quentchen Blut ist mir verblieben, das nicht zittert.“ Was für ein Bild! Eine Erinnerung daran, dass für Dante das Blut so natürlich und gegenwärtig ist wie die Tiere und Naturdinge seiner Alltagswelt um 1300, von denen seine Vergleiche ein ums andere Mal sprechen: Kraniche und Tauben, Frösche und Stiere, Blätter und Bäume.

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