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Dantes Verse : Ewiges Rätsel

  • -Aktualisiert am

Bild: Natascha Vlahovic

Wer wollte nicht alles schon von Dante profitieren? Besonders eifrig versuchten es die Diktatoren Mussolini und Hitler, aber die Commedia überstand auch diese Anmaßungen.

          2 Min.

          [Eine Zeit\] in welcher einer mit Fünfhundertfünfzehn,
          Von Gott gesandt, die Dirne wird erschlagen
          Mitsamt dem Riesen, der mit ihr gesündigt.

          Nel quale un cinquecento dieci e cinque,
          Messo di Dio, anciderà la fuia
          Con quel gigante che con lei delinque.

          (Purgatorio XXXIII, 43–45, übersetzt von Hermann Gmelin)

          Als Adolf Hitler im Mai 1938 mit dem Zug zu einem sechstägigen Staatsbesuch nach Italien aufbrach, hatte er ein besonderes Geschenk für sein Diktatorenvorbild Benito Mussolini dabei: eine Prachtausgabe der „Göttlichen Komödie“, eigens aufgelegt vom Askanischen Verlag. Im Vorwort wurde ein Vergleich zwischen der Commedia und Goethes „Faust“ angestellt; die reichlich kühne Verbindung zwischen den beiden Nationaldichtern, die von schwärmerischen deutschen Intellektuellen schon lange vor dem „Dritten Reich“ hergestellt worden war, sollte nun die machtpolitische Achse Berlin–Rom um eine literarische Dimension erweitern und zugleich auf assoziative Weise an die Idee des Heiligen Römischen Reiches anknüpfen.

          Mussolini hatte früh erkannt, welches legitimatorische Potential für seine Herrschaft in der Bezugnahme auf Dante steckte. Er ließ das Bildnis des Dichters an den Botschaftsgebäuden des Landes anbringen. Im November 1938 stimmte der „Duce“ Plänen für die Errichtung eines Danteums an der Via dell’ Impero in der Nähe des Kolosseums zu. Der Entwurf des Architekten Giuseppe Terragni, der dezidierten Modernismus und marmornen Klassizismus zu einer kühnen räumlichen Darstellung des Commedia-Aufbaus verband, wäre allerdings eine ziemlich doppelbödige Hommage geworden. Das Projekt zerschlug sich.

          Dantes Inanspruchnahme durch Mussolini fußte auf halsbrecherischen Interpretationen und extrem selektiver Lektüre des Werks. Es war nicht leicht, den Gedanken eines christlich-universalistischen Friedensherrschers mit den eigenen nationalistisch-totalitären Vorstellungen zu verknüpfen. Umso lohnender erschien es Mussolini. Vor allem eine dunkle Terzine diente den Faschisten als Einfallstor, um die Gedankenwelt Dantes für die eigenen Zwecke zu kolonisieren. Im 33. und letzten Gesang des Purgatorio hebt Beatrice an zu einer Weissagung, in der von einer Zeit die Rede ist, in der ein Gottgesandter die Dirne erschlagen wird und ebenso den Riesen, der mit ihr gesündigt hat. Die Figur des Weltenretters wird mit der Zahl 515 verbunden, in lateinischer Schreibung DXV. Daraus lässt sich mittels einer kleinen Umstellung „Dux“ machen, italienisch Duce, deutsch Führer; dieses Anagramm folgt dem Muster der Interpretation der Zahl 666 in der Apokalypse, römisch DCLXVI, umgestellt Diclux, was die Kurzform von „dici esse lucem“ ist, der Chiffre von Luzifer.

          Es liegt auf der Hand, wen Mussolini und seine Anhänger in der Figur des rettenden Dux sehen wollten. Auch in Deutschland folgte man dieser Spur. Ulrich von Hassell, damals deutscher Botschafter in Rom, schrieb in einem Aufsatz für das „Deutsche Dante-Jahrbuch“ von 1934 von einem Dux, der in Italien aufräume, wie man auch in Deutschland das Schwatzen und die Vielheit satthabe. Der spätere Regimegegner von Hassell, der im Oktober 1944 hingerichtet wurde, hielt damals fest, dass Faschismus und Nationalsozialismus die „legitimen Kinder des Danteschen politischen Gedankens“ seien.

          Dante hat seine Inanspruchnahme durch Mussolini unbeschadet überstanden. Die internationale Forschung aber arbeitet sich bis heute an der Terzine ab, die Beatrice selbst im Fortgang ihrer Prophezeiung als „starkes Rätsel“ bezeichnet. Eine beliebte Deutung war lange Zeit, dass mit dem Dux Kaiser Heinrich VII. gemeint sei, mit der Hure Papst Clemens V. und mit dem Riesen der französische König Philipp der Schöne. Eine andere Interpretation addiert 515 Jahre zum Jahr 800 hinzu, in dem mit Karl dem Großen das abendländische Imperium beginnt. Dann wäre man im Jahr 1315, dem Jahr nach Kaiser Heinrichs Tod und neuer Hoffnung auf Heil. Aber auch das Jahr 515 vor Christus könnte gemeint sein, in dem der von den Babyloniern zerstörte Tempel Salomos wieder hergestellt wurde. Oder ist das italienische „un“ womöglich kein Artikel, sondern steht für die Zahl eins, womit man sich einen Reim auf 1515 machen müsste? Eine Interpretation, die allgemeine Zustimmung gefunden hätte, gibt es nicht. Es wird sie auch niemals geben.

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