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Dantes Verse : Ebenso tot wie lebendig

  • -Aktualisiert am

Dantes Verse Bild: Natascha Vlahovic

Die Commedia als unendliche Herausforderung: Wer Dante verstehen will, der muss manchmal zu den Gemeinplätzen von dessen Zeit greifen.

          3 Min.

          Ich starb nicht, und doch blieb ich nicht lebendig;
          So denke denn, bist du des Denkens fähig,
          Wie, Tod und Leben missend, mir zu Mut war.

          Io non mori’ e non rimasi vivo
          pensa oggimai per te, s’hai fior d’ingegno,
          qual io divenni, d’uno e d’altro privo.

          (Inferno XXXIV, 25–27, übersetzt von Karl Witte)

          Ich hatte noch nie einen Favoriten unter den Versen, Terzinen, Episoden oder Gesängen der Commedia – und es ist höchst unwahrscheinlich, dass ich jemals einen haben werde. Das Gedicht ist in all seinen Teilen und erst recht als Ganzes einfach zu faszinierend, als dass ich einen einzelnen Aspekt über alle anderen stellen könnte. Zugleich verliere ich mich immer wieder eine Zeitlang in einer besonderen Wendung des Textes. In den letzten Monaten drehten sich meine Gedanken – auf der Suche nach einer „diritta via“ – immer wieder um eine seltsame, äußerst erstaunliche terzina, die sich im Anfangsteil des letzten Gesangs des Inferno findet. Trotz des suggestiven Charakters der Verse hat die Dante-Wissenschaft, die bis ins vierzehnte Jahrhundert zurückreicht, sie weitgehend ignoriert oder als unbedeutend abgetan.

          „Io non mori' e non rimasi vivo / pensa oggimai per te, s’ hai fior d’Ingegno, / qual io divenni, d’uno e d’altro privo.“ Die Terzine beschreibt die verheerende Wirkung, die Dantes unmittelbare Konfrontation mit der gewaltigen, entsetzlichen und gleichsam leblosen Masse auf ihn ausübt, die Luzifer „’mperador del doloroso regno“ (der Kaiser von dem Reich der Schmerzen, Inferno XXXIV, 28) – für ihn darstellt. Dass diese Erfahrung den Pilger traumatisiert, ist psychologisch und spirituell natürlich angemessen und verständlich. Doch sein Zustand ist verwirrend exzentrisch. Wie kann er weder tot noch lebendig sein? In welchem existenziellen und physiologischen Zustand könnte er sich, „Tod und Leben missend“, befinden? Erlebt er überhaupt noch irgendetwas, wenn er jenseits des Todes und des Lebens steht ...? Dennoch verwirrt uns der Dichter mit der Behauptung, solange wir noch „des Denkens fähig“ seien, könnten wir nachempfinden, wie ihm „zu Mut war“. Ist es überhaupt überraschend, dass wir zu fühlen vermöchten, in den „dunklen Wald“ geraten zu sein? Auch wenn Dante behauptet, das sei durchaus möglich, fragte ich mich doch, wie der unmögliche Zustand des Nichts, in dem er sich da befand, zu verstehen war.

          Dante liebt es, seine Leser herauszufordern und zu verwirren, um sie zu bewegen, sich ernsthaft mit seinem bemerkenswerten Gedicht auseinanderzusetzen. Und wenn wir die Commedia mit der Ernsthaftigkeit behandeln, die sie verdient, finden wir stets auch Antworten. Wenn ich die Commedia zu verstehen versuche, stütze ich mich in der Regel auf den literarischen und kulturellen Kontext des späten Mittelalters oder vielmehr auf Dantes erstaunlich originelle Umarbeitung dieses Umfelds. Was nun unsere Terzine betrifft, scheint Dante auf eine Reihe von Texten und Traditionen anzuspielen – von Ovids Metamorphosen bis hin zu christlichen Mystikern und vom Rolandslied bis hin zur ritterlichen Liebeslyrik, in denen die Grenzen zwischen Leben und Tod sich verwischen.

          Wie so oft in der Commedia, und angesichts dieses herausragenden religiösen Werkes der literarischen Tradition des Westens auch durchaus erwartbar, ergeben sich die wertvollsten Erkenntnisse, wenn wir die Verse 25 bis 27 im Lichte des biblischen Gemeinplatzes lesen, wonach man erst sterben muss, um das (ewige) Leben zu erlangen. Vor allem Paulus bestand auf diesem Gedanken. In der Auseinandersetzung mit Luzifer überwand Dante den Tod der Sünde und begann seinen langen Aufstieg über den Läuterungsberg und durch die himmlischen Sphären des mittelalterlichen Universums, um schließlich im Paradies die Erlösung zu finden. Dennoch beschreibt keiner der Texte, auf die er anspielt, und nicht einmal die Bibel jemanden, der zugleich tot und lebendig wäre. Wie für Dante typisch, verdeutlicht er die Einzigartigkeit seines eigenen Erlebens und, wichtiger noch, die ganz eigentümliche Originalität der Commedia, indem er seine Abweichung von der Tradition hervorkehrt.

          Die kulturelle Komplexität der Commedia – ihre außergewöhnliche Fähigkeit, die unterschiedlichsten Quellen zusammenzuführen und dabei doch niemals die Kohärenz der Erzählung zu opfern – ist ein besonderer Beweis ihrer Größe. Die Lektüre jeglichen Fragments der Commedia ist unendlich fesselnd und befriedigend. Wie bei meinen Kindern könnte es da für mich niemals einen Favoriten geben.


          Zygmunt G. Baranski lehrt Romanistik in Cambridge und an der University of Notre Dame. Unter seinen zahlreichen Dante-Publikationen ist die jüngste „The Cambridge Companion to Dante‘s ,Commedia‘“.


          Aus dem Englischen von Michael Bischoff.


          Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

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