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Dantes Verse : Die Rom-Idee

  • -Aktualisiert am

Dantes Verse Bild: Natascha Vlahovic

Dante ist in den letzten hundertfünfzig Jahren von allen Seiten pollitisch ausgeschlachtet worden: Das Papsttum konnte ihn genauso gut brauchen wie Mussolini.

          3 Min.

          Hier bleibst du nur auf kurze Zeit als Fremdling,
          Und bist dann ewiglich mit mir ein Bürger
          In jenem Rom, wo Christus ist ein Römer.

          Qui sarai tu poco tempo silvano;
          e sarai meco sanza fine cive
          di quella Roma onde Cristo è romano.

          (Purgatorio XXXII, 100–102)

          Die religiöse Vorstellung vom Purgatorium, vom Fegefeuer, ist dem aufgeklärten Christentum abhandengekommen. Der postmoderne Gläubige, gleich welcher Konfession, tut sich schwer mit dem Gedanken, dass es einen Ort und eine Zeit der Läuterung geben müsse, bevor die an und für sich durchaus paradiestauglichen sündigen Seelen zum ewigen Heil zugelassen werden. Nur in Neapel wird in den unterirdischen Gängen und Grabanlagen der Stadt noch heute die Passage vom Erdenleben zum Paradies inszeniert und herbeigebetet.

          Aber als Dante zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts die Göttliche Komödie schrieb und zwischen Hölle und Paradies den Läuterungsberg, das Purgatorio, als Reinigungsort und Reinigungsprozess platzierte, bediente er sich eines damals buchstäblich gerade neu erfundenen theologischen Topos. Die Heilige Schrift weiß nichts von einem solchen Ort, und spätestens den papstkritischen Lutheranhängern war diese mittelalterliche Erfindung suspekt, weil ihnen die Erlangung von Seligkeit durch Buße, Ablass und Werkgerechtigkeit wie ein Manipulationsversuch an der göttlichen Gnade erschien. Bei Dante hingegen pilgern die sich ihrer Sünden bewussten, zur Umkehr bereiten Verstorbenen den Läuterungsberg hinauf nach Eden, um von dort ins jenseitige Paradies zu gelangen.

          Die Verheißung von Reinigung und (Wieder-)Aufstieg stand vor genau hundert Jahren im Zentrum der deutschen Betrachtungen zu den Feiern von Dantes sechshundertstem Todesjahr. Nach dem verlorenen Weltkrieg und dem als schmachvoll empfundenen Versailler Frieden erschien Dante 1921 vielen Deutschen als wegweisende Lichtgestalt. „Der Berg der Läuterung“ überschrieb Ernst Troeltsch seinen Festvortrag, in dem er festhielt, Dante könne Orientierung bieten „in einer Zeit, wo unser Vaterland in tiefste Not, in Demütigung und Zerstückelung zurückgeschleudert und allen Geist in der innersten Tiefe erregt und erschüttert hat“.

          Tatsächlich hat es das Purgatorium in sich. Eigentlich müsste dieser zweite Teil der Göttlichen Komödie wegen seines „Passagen“-Charakters der modernen Sensibilität sogar besonders liegen. Er wirkt mit seiner unentschiedenen Dazwischen-Platzierung irgendwie italienischer, kompromissfähiger, humaner als die beiden anderen Jenseitswelten, die Extreme Hölle und Himmel. Atemraubend ist hier nicht nur die Metaphorik. Auf dem Läuterungsberg erhält der Dichter den Auftrag aufzuschreiben, was er bei seiner Jenseitswanderung gesehen hat. So entsteht sein Jahrhundertwerk. Und hier findet sich auch eine jener Dante-Zeilen, deren Fortuna wie im Brennglas die unendlichen Deutungsvarianten, Vereinnahmungen und Instrumentalisierungen sichtbar macht, denen dieser Klassiker seit jeher ausgesetzt ist.

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