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Dantes Verse : Der Wind in den Pinien

Dantes Verse Bild: Natascha Vlahovic

Immer wieder nimmt Dante im Inferno Bezug auf irdische Schauplätze, doch im Purgatorio tut er das nur einmal. Doch auf was für ein Naturwunder: den Pinienwald von Classe.

          2 Min.

          So kann man ihn in allen Zweigen hören
          Im Pinienwalde am Gestad von Chiassi,
          Wenn Äolus den Südwind losgelassen.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Tal qual di ramo in ramo si raccoglie
          per la pineta in su ’l lito di Chiassi,
          quand’Eolo scilocco fuor discioglie.

          (Purgatorio XXVIII, 19–21, übersetzt von Hermann Gmelin)

          Nachdem er die sieben Stufen des Läuterungsberges erklommen hat, betritt Dante eine Zwischenzone, die ihn auf den Aufstieg in die Himmelssphäre vorbereitet. Rifatto, „neugemacht“, wird er sich am Ende auf den Weg zum oberen Reich Gottes machen, mit Beatrice, die den hinter ihm zurückbleibenden Vergil abgelöst hat. Zunächst aber muss er die divina foresta betreten, den Gotteswald am Eingang zum Irdischen Paradies, durch das die Flüsse Lethe und Eunoë fließen, deren Wasser das Vergessen aller Sünden und die Erinnerung an die guten Taten bewirken. Indem Dante sich umschaut, hört er die Vögel singen, und ihn streift ein sanfter Wind, „so wie er von Zweig zu Zweig sich sammelt“ im Pinienwald von Classe, „wenn Äolus den Scirocco entfesselt“.

          Es ist das einzige Mal im Purgatorio, dass ein irdischer Ort als Metapher für einen überirdischen, nur in Dantes Vision vorhandenen aufgerufen wird. Das Inferno ist voll von solchen Bildern, von den Alyscamps, den römischen Gräberfeldern bei Arles, mit denen die glühenden Gelasse der Höllenstadt verglichen werden, bis zum Turmkranz der Festung Monteriggioni, an den die aufragenden Gestalten der Giganten den Dichter erinnern. Selbst das Pech, mit dem die Venezianer im Arsenal im Winter ihre Schiffe kalfatern, dient als Maßstab für die Schwärze und Dicke des Teers, der den achten Höllenkreis durchfließt. Auf dem Weg zur Spitze des Läuterungsbergs dagegen verschwinden die Eindrücke der realen Welt aus dem Gedächtnis des Reisenden. Nur einmal noch kehrt die Erinnerung an das Diesseits wieder – am Eingang zum Irdischen Paradies, das zugleich der Ausgang aus der Sphäre der Qualen und Bußen ist. Hier beginnt die Erlösung. Und hier denkt Dante an den Pinienwald von Classe.

          Einige Kommentatoren (darunter Hartmut Köhler, dessen Prosa-Übertragung von 2010 den derzeit gültigen Standard setzt) bezweifeln, dass Dante, als er um 1315 jene Verse schrieb, die berühmte Pineta bei Ravenna schon selbst betreten hatte. Aber warum sollte er, dem jede Art von Sprachbild zu Gebote stand, ausgerechnet diesen Wald zum irdischen Vorschein der Ewigkeit erklären? Es gab andere ausgedehnte, heute verschwundene Piniengehölze an der Adria, und es gab Hochwälder in der Toskana oder in Ligurien. Plausibler ist, dass die Terzine im 28.Gesang auf einer echten Erfahrung beruht, die immer noch jeder machen kann, der hinter Sant’Apollinare die Staatsstraße nach Süden nimmt und dann links abbiegt. Das Rauschen, das hier um die Mittagszeit durch die Wipfel geht, gehört zu den Dingen, die man noch nach Jahrzehnten im Gedächtnis behält, weil sie selbst in einem ereignisreichen Leben nicht wiederkehren. Es gibt nichts, was ihnen sonst auf Erden entspricht. Die aura dolce, wie Dante sie nennt, der süße Hauch in den Pinien von Classe, kann nur vom Paradies herkommen, oder besser: Er ist die körperliche Form des Versprechens, dass jener Ort wirklich existiert.

          Mehr als jeder andere Autor des Mittelalters ist Dante der Dichter der physischen Welt. Wer die beiden ersten Teile der Divina Commedia liest – für die Himmelssphäre, als Spektakel der christlichen Theologie, gelten andere Regeln –, sieht keine Abstrakta, sondern reale Szenen und Gestalten vor sich: die Kraniche, die, cantando lor lai, über der Poebene kreisen, den Bergrutsch bei Trient, dessen Form in den Abgründen des Infernos wiederkehrt; den Gelehrten und Dichterkollegen Brunetto Latini, der über den brennenden Sand im siebten Höllenkreis rennt, als liefe er beim Palio in Verona mit, aber als „jener, der siegt, nicht als Verlierer“. Als Spiegel der göttlichen Ordnung ist dieses Wirkliche zugleich Ding und Symbol, zeitlich und ewig. Auch die Pinien an der Küste südlich von Ravenna treten in diesen Zauberkreis ein. Dass es sie immer noch gibt, verdanken wir auch Dante.

          Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

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