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Dantes Verse : Der ewige Luftkörper

  • -Aktualisiert am

Dantes Verse Bild: Natascha Vlahovic

In der Pandemie erweist sich eine Überlegung Dantes aus der „Commedia“ als besonders ermutigend: das Kommunikationsprinzip über den „Luftkörper“.

          3 Min.

          So sprechen wir und lachen und gestalten
          Die Tränen und die Seufzer unserer Brust,
          Wie auf dem Berg der Läuterung sie hallten.

          Quindi parliamo e quindi ridiam noi;
          quindi facciamo le lagrime e ’ sospiri
          che per lo monte aver sentiti puoi.

          (Purgatorio XXV, 103–105)

          Für Dante ist es eine Herausforderung und vielleicht sogar unmöglich, an den Menschen zu denken, ohne dabei körperliche Begriffe zu verwenden. Selbst im Leben nach dem Tode besteht Dante auf der körperlichen Natur der Höllenqualen, der reinigenden Buße und der paradiesischen Freuden. Dass ein Körper erforderlich ist, um die Qualen der Hölle zu erleiden, ist vergleichsweise intuitiv verständlich. Doch erst im Purgatorio und dort auch erst in diesen relativ späten Versen beginnen wir die relationale Notwendigkeit der Verkörperung zu begreifen.

          Unser Dreizeiler, der eine Äußerung des Statius wiedergibt, bildet den Schluss einer langatmigen theoretischen Ausführung über ombra, den Luftkörper, innerhalb des Textes. Die Rede des Statius über die Bildung und Belebung des Fötus vor der Geburt und die Entstehung des Luftkörpers nach dem Tod, die von Literaturwissenschaftlern lange als ein recht sperriger und unnötiger Exkurs verstanden wurde, ist von grundlegender Bedeutung, wenn es darum geht, Dantes Poetik, aber vor allem auch die zentralen Aspekte seiner Ethik zu verstehen. Der Luftkörper ist ein für den Fortbestand unseres menschlichen Personseins nach dem Tod konstitutiver Mechanismus, geradeso wie der embryonale Körper und die dort hineingegebene Seele konstitutiv für unser Menschsein bei der Geburt sind. Die Möglichkeit der zeitlichen und zeitlosen Ausdehnung des Personseins in Dantes Nachwelten hinein basiert auf der Funktion des Luftkörpers, die Fähigkeit zu gestischen und affektiven Beziehungen zu eröffnen.

          Das Leiden freudig mit anderen teilen

          Das ist indessen nicht der erste Versuch innerhalb des Gedichts, genauer darzulegen, was dieser Luftkörper ist und – wichtiger noch – welchen Zwecken er dient. Schon im dritten Gesang des Purgatorio hatte Vergil gesagt, diese Körper seien dazu da, physische Qualen zu erleiden. Allerdings wird schmerzhaft klar, dass Vergil weder das Wesen des Luftkörpers noch die ganze Bandbreite seiner Möglichkeiten vollständig versteht. Nach seiner Darstellung bilden sie die Voraussetzung für Leiden und sind mit den Kräften des Verstandes in ihrem Wesen nicht zu ergründen. Diese wahrhaftige, aber begrenzte Sicht revidiert Statius 21 Gesänge später. Der von Lastern geläuterte und im vollen Stand der Gnade stehende Statius vermag hinreichend zu erklären, was der Luftkörper samt seinen wunderbaren Fähigkeiten ist und wie er sich zum fötalen Körper und der Seele verhält.

          Nach seiner Darstellung hat der Luftkörper hauptsächlich die Aufgabe, Rede und Gebärde und damit Kommunikation zu ermöglichen. Durch Worte, Lächeln, Tränen und Seufzer nimmt er Beziehung zu anderen auf. Luftkörper sollen nicht in erster Linie Leiden bewirken, ihre Hauptaufgabe ist es, das Leiden freudig mit anderen zu teilen, denn wie der Läuterungsprozess zeigt, isolieren die als Buße auf sich genommenen Qualen den Leidenden nicht von anderen, sondern bringen ihn mit seinen Nächsten zusammen.

          Bereicherte Formen des Zusammenseins

          Der Luftkörper oder „ombra“ soll nicht in unmittelbarer (und gewiss nicht in wiedererkennbarer) Weise den irdischen Körper nachbilden. Er sorgt nicht durch physische Merkmale für Unterscheidbarkeit. Er soll vielmehr die Geselligkeit und Relationalität des Redens, Lachens, Weinens und Seufzens ermöglichen. Der Luftkörper macht Wünsche und Gefühle für andere benachbarte Seelen sichtbar und nimmt dazu die volle relationale Gestalt der erwachsenen Seele an, die immer schon verkörpert war und ist und dies auch gar nicht anders sein könnte. Das göttliche und natürliche Menschsein, das uns vor der Geburt gegeben wird, setzt sich im Tod fort. Auch im Augenblick des Todes bleibt die akribisch beschriebene Einheit des Fötus bestehen, da die Seele weiterhin Träger der menschlichen und göttlichen Kräfte ist, die, einmal vereint, nicht mehr voneinander getrennt werden können.

          In der pandemiebedingten Isolation empfinde ich es als besonders ermutigend, Dantes Purgatorio als den Ort, an der „L’umano spirito si purga“ („Hier läutert sich des Menschengeistes Streben“, Purg. I, 5), und somit als ein riesiges Laboratorium der Relationalität zu betrachten, in dem Büßer Wege finden, in ihrem Luftkörper zu leben, um ihre Formen des Zusammenseins mit anderen neu zu gestalten, zu bereichern und weiterzuentwickeln. In gewisser Weise ist das dieselbe Arbeit, vor der wir alle heute stehen.

          Heather Webb lehrt Italianistik in Cambridge und schrieb unter anderem „Dante’s Persons – An Ethics of the Transhuman“ (Oxford University Press).

          Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

          Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

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