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Dantes Verse : Der Blick auf die Erde

Bild: Natascha Vlahovic

Im Paradies blickt Dante einmal zurück und sieht unter sich die winzige Erde. Er lacht über sie, doch es ist das Lachen der Erkenntnis.

          2 Min.

          Ich schaute also noch einmal zurück, durch sämtliche
          sieben Sphären hinab, und da sah ich doch diesen Erdball hier
          so winzig, dass ich lachen musste bei dem kläglichen Anblick.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Col viso ritornai per tutte quante
          le sette spere, e vidi questo globo
          tal, ch’io sorrisi del suo vilm sembiante;

          (Paradiso XXII, 133–135)

          Selbst der Gigant Dante stand auf den Schultern von Riesen. Seine Commedia ist die Summa des Wissens und vor allem der Interessen ihrer Zeit, was nirgendwo so deutlich wird wie in den anekdotisch und den literarisch inspirierten Begegnungen ihres Jenseitsreisenden. Seinem Publikum musste Dante selbst noch nicht erklären, auf welche Quellen er sich dabei bezog (das taten dann seine Söhne in ihren Kommentaren)Zu Lebzeiten Dantes waren die Anekdoten noch in aller Munde, oder die Vorläuferbücher standen als Handschriften in den heimischen Regalen. Eine Gegenwartsliteratur im heutigen Sinne existierte ja damals nicht, man las kanonisierte Texte; das erforderte schon die unfassbar aufwendige und kostspielige Form der Buchherstellung in der Zeit vor Gutenbergs Erfindung. Deshalb musste jedes neue literarische Schreibprojekt den Anspruch eines zukünftigen Werks haben, das als Klassiker würde auftreten können. Und wie wäre das leichter möglich gewesen als dadurch, dem bereits Klassischgewordenen Reverenz zu erweisen?

          Bei Dante ist somit die antike Literatur die wichtigste Bezugsgröße, vor aller anderen natürlich die Aeneis, deren Verfasser er kurzerhand zum Cicerone seines Alter Egos macht: Vergil führt Dante durch die Unterwelt und auf den Läuterungsberg, ins Paradies aber darf er als Heide nicht eintreten, dort übernimmt die vergötterte Beatrice seine Aufgabe. Doch es ist nicht so, dass in den allerchristlichsten Sphären das heidnisch-literarische Erbe nicht mehr Leitfaden wäre. Auch das moralisch begründete Himmelsmodell der Commedia ruht auf antiken Säulen.

          In Platons „Politeia“ findet sich bereits die Darstellung eines dichotomischen Jenseits-Verständnisses, das die christliche Dichotopie von Hölle und Himmel vorwegnehmen sollte. Im letzten Teil des Buches berichtet Sokrates seinem Gesprächspartner und Widerpart Glaukon vom in der Schlacht getöteten Krieger Er, der auf dem Scheiterhaufen ins Leben zurückkehrte und deshalb vom Jenseits erzählen konnte. Dort hatte er die Verteilerstation gesehen, an der den Ungerechten ein Platz im Inneren der Erde zugewiesen wurde („für jede einzelne üble Tat zehnfache Qualen“, 615C), den Gerechten aber ein Platz im Himmel, jeweils bis zur Wiedergeburt. Im Himmel dreht sich hoch über der Erde die „Spindel der Notwendigkeit“, deren acht Triebräder die astronomische Mechanik rund um die Erde in Gang halten – ein kosmologisches Modell, das den Lauf der Gestirne erklärt. Die Erde aber ist das Größte.

          Inwieweit Platons „Politeia“ im hochmittelalterlichen Italien bekannt war, ist unklar, ganz sicher aber kannte Dante die römische Weiterentwicklung des Buchs: Ciceros „De re publica“. In ihr findet auch die Vision des Er ein Äquivalent: wiederum im Schlussteil, im sogenannten „Traum des Scipio“. Der Feldherr wird in den Himmel versetzt, darf dort der Harmonie der Sphären lauschen und auf die Erde herabschauen, die ihm aus so großer Höhe derart winzig erscheint, dass er sich des prächtigen Römischen Reiches, das doch noch kleiner ist, schämen muss. Platons Idee einer Himmelsmechanik ist bei Cicero der einer Himmelsmusik gewichen, und diese überirdische Kunst erst macht die Erde klein.

          Dante nun nimmt dieselbe Winzigkeit wahr, doch er schämt sich nicht dafür, sondern spottet ihrer. Die Erde ist ihm bereits globo (Kugel), ihre kosmologische Zentralstellung zwar noch erhalten, aber über ihr fächert sich bereits ein viel weiteres Reich auf, in dem die, die unten fa tanto feroci (sich so wild gebärden, Par. XXII, 151), keinen Platz haben. Sein Lachen ist befreit von der Erdenschwere, die bei Platon und Cicero nur durch (Schein)Tod und Schlaf abgeschüttelt werden konnte. Dante dagegen erweist sich im Spott als hellwach, denn weder Tote noch Schlafende lachen. Es ist auch ein Fortschritt der menschlichen Erkenntnis, den die Commedia beschreibt. Das macht Dante größer als die Riesen vor ihm.

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