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Dantes Verse : Bis sich das Meer über uns schloss

  • -Aktualisiert am

Dantes Verse Bild: Natascha Vlahovic

Im Odysseus der Commedia steckt ein Selbstporträt von Dante. Gemeinsam haben beide den intellektuellen Untergang, weil sie doch alles wissen wollen.

          3 Min.

          Dreimal im Strudel unser Schiff zu drehen,
          bis es am Schnabel ward hinabgezogen,
          wie es durch höhern Willen sollt geschehen,
          Und über uns sich schloss das Tor der Wogen.

          Tre volte il fé girar con tutte l’acque;
          a la quarta levar la poppa in suso
          e la prora ire in giù, com’altrui piacque,
          infin che ’I mar fu sovra noi richiuso.

          (Inferno XXVI, 139–142, übersetzt von Richard Zoozmann)

          Für Odysseus’ Beschreibung seines eigenen Endes hat Dante eine vollkommen neue Sprache geschaffen. Sie kommt mit knappen Worten aus und entwickelt ein besonderes Timing für die beschriebenen Vorgänge, mit plötzlichen Beschleunigungen und Momenten, in denen der Erzählfluss stillsteht. Die Freude, nach monatelanger Seefahrt wieder Land zu sehen, wird unvermittelt in tiefen Schmerz verwandelt durch den Mahlstrom, den das Trugbild eines Nebelberges hervorbringt: eine Art unvorhergesehenes Hologramm, das einen gewaltigen Wirbelwind auslöst. Odysseus beschreibt den sich konisch verjüngenden Wasserstrudel, der an die Form des Höllentrichters erinnert; ein nach unten ausgestülptes Amphitheater, das durch den Sturz des gefallenen Engels Luzifer entstanden ist und nun mit den ephemeren Stoffen Wind und Wasser nachgeformt wird, indem es sich mit großer Gewalt, jedoch geräuschlos, aus den Tiefen des Meeres herausbildet.

          Wir sehen das Schiff vor uns, wie es durch viermaliges Herumwirbeln in der Luft in die Vertikale versetzt und urplötzlich hinabgezogen wird, bevor sich wieder ungeheure Stille auf der abermals geschlossenen Wasseroberfläche ausbreitet. Diese geradezu filmische Vision wird mit wenigen Ausdrücken evoziert, die aus dem Schweigen der langen Seefahrt hervorbrechen, gefolgt von der endlosen Stille, die das Ende des Helden mit der statuarischen Gleichgültigkeit der ozeanischen Weite umgibt: eine Tragödie, die das Drama der menschlichen Begrenztheit – nichts weiter als Mensch zu sein – besiegelt. Die tragische Schönheit dieses Bildes unter freiem Himmel und das hieratische Schweigen, in das Dante den 26. Canto am Ende münden lässt, ist wie eine kathartische Tabula rasa, beschworen von der Natur und dem Göttlichen.

          Im Bild des Odysseus malt Dante sein eigenes großartiges Selbstporträt. Er spricht vom intellektuellen Untergang, den er mit seinem Streben nach Wissen in Kauf genommen hat – und von der eigenen Curiositas, der Neugier, mit der er in seiner Jugend die Lehren des Averroes studiert und damit die Grenzen überschritten hatte, die das katholische Konzept von Wissen ihm auferlegte; schließlich von der Gefährdung seiner Gegenwart, in der er sich zum auserwählten Erforscher einer wunderlichen Anderswelt aufschwingen möchte. Der „Schiffbruch des Geistes“, ein Begriff, den zuerst der heilige Augustinus prägte, verbindet Dante und Odysseus; sie sind beide Argonauten auf Entdeckerfahrt, Intellektuelle und Forscher, unterwegs in unbekannten Gewässern, ergriffen von der Leidenschaft, wissen zu wollen – und dafür sogar bereit, alle anderen Gefühle zu unterdrücken. Beide beenden ihr Leben in Einsamkeit, weit weg von ihrer jeweiligen Societas.

          „Jedoch ins offene Meer hinaus ging’s kühn entschlossen“ – dieses „Jedoch“ bedeutet, dass beide trotz ihrer Liebe zur Familie und zur Heimat alle Grenzen überschreiten wollten, um ins Unbekannte jenseits der realen und metaphorischen Säulen des Herkules vorzudringen: „Dorthin ging’s tollen Flugs“ (folle volo); betont wird die Tollkühnheit, die in dieser mission impossible des Entdeckens und im Traum vom Zauberschiff, das fliegen kann, liegt.

          Wie der Odysseus, den Vergil in seiner Aeneis beschreibt, wird Dante durch seine Göttliche Komödie zum scelerum inventor, zum Erfinder von Missetaten; er ersinnt eine Zukunft und treibt sie ins Extrem, indem er sich selbst und andere verdammt. Wie Odysseus in der Odyssee steigt Dante in die Unterwelt hinab. In der Figur des Odysseus verkörpert Dante nicht nur den grenzenlosen Wissensdurst seiner Jugend, sondern auch die Unfähigkeit, ein Leben der Alltäglichkeit und Normalität zu akzeptieren. Deshalb ist der Odysseus gewidmete Abschnitt in meiner Oper „Inferno“, die ich für die Oper Frankfurt geschrieben habe, wie eine eigenständige Komposition inmitten des Werks, eine Art eingebettetes Oratorium; denn es ist der kritischste Moment in Dantes Reise, in dem er seinem Spiegelbild und seinem eigenen künftigen Schicksal begegnet, der tiefste Punkt seiner ganz persönlichen Hölle.

          Dante kann unmöglich neutral bleiben, Neutralität ist eine Sünde, der Held muss sich zum Dezisionismus bekennen und bereit sein, alle Konsequenzen auf sich zu nehmen, die aus dem Eifer seiner Curiositas erwachsen. Das menschliche Leben wird als stetiger Verfallsprozess aufgefasst, vom Urzustand der paradiesischen Gnade bis zum Ende, wenn sich die Wasser wieder auf ihre ursprüngliche Position zurückziehen, eins werden mit sich selbst: Damit schließt sich die offene Passage, die Wunde – als ob nie ein Mensch darin gestorben sei.

          Lucia Ronchetti ist Komponistin. Ihre neue Oper „Inferno“ wird noch bis zum 9. Juli 2021 als Koproduktion der Oper Frankfurt mit dem Schauspiel Frankfurt im Bockenheimer Depot aufgeführt.

          Aus dem Englischen von Konrad Kuhn.

          Alle bisherigen Folgen unserer Serie  finden Sie unter www.faz.net/dante.

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