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Dantes Verse : Die böseste aller Figuren

  • -Aktualisiert am

Dantes Verse Bild: Natascha Vlahovic

Eine Mahnung an die Hochmütigen: Keine Figur wird von Dante in seiner Commedia derart verachtet wie Filippo Argenti. Wer war dieser Mensch?

          3 Min.

          Alle schrien: „Auf Filippo Argenti!“
          Und der bizarre Florentiner Geist 
          Gegen sich selber mit den Zähnen 
          sich wandte.

          Tutti gridavano: „A Filippo Argenti!“;
          E ’l fiorentino spirito bizzarro
          In sé medesmo si volvea co’ denti.

          (Inferno VIII, 61–63)

          An dem geprägten fiorino d’oro lässt sich erkennen, wie reich, stolz, eigenständig und bedeutend Florenz 1252 bereits geworden war. Tuchhandel, Bank- und Finanzwesen verhalfen der Stadt zu großem Wohlstand, und mit ihrer eigenen Goldmünze hatten die Florentiner faktisch das Verwaltungsmonopol der an die Kurie gezahlten Gelder inne.

          Die Geschicke der Stadt waren seit 1215 von den rivalisierenden Parteiungen der kaisertreuen Ghibellinen und papsttreuen Guelfen bestimmt. Zusehends wurden Zugehörigkeit und Inhalt dieser Gruppierungen zugunsten nicht immer trennscharfer Partikularinteressen ausgehöhlt. Devisen und Parteinamen wechselten aufgrund lokaler und ephemerer Allianzen und Feindschaften, bis am Ende des dreizehnten Jahrhunderts der Begriff Guelfe in Florenz quasi zum Synonym für „guter Patriot“ wurde.

          Mit seinen Gegnern rechnete Dante in der Commedia ab

          In den neunziger Jahren des dreizehnten Jahrhunderts war es dem dreißigjährigen Dante daher selbstverständlich, dass die Florentiner sich in zwei Parteien aufteilten, die Guten und die Bösen: wir, die machthabenden Guelfen, und die anderen, die Ghibellinen, die wir aus der Stadt vertrieben haben.

          Im Anschluss an die Vertreibung der Ghibellinen spalteten sich die innerstädtischen Guelfen wiederum in zwei verfeindete Fraktionen auf, die Schwarzen und die Weißen. Der zu den Weißen zählende Dante bekleidete von 1295 an mehrere politische Ämter im Rat, und als Prior der Gilden stimmte er in der Kommune für die Vertreibung der streitenden Anführer beider Fraktionen aus der Stadt. Wenige Jahre später kam es zu einer abermaligen Machtverschiebung: 1302 wurden ihrerseits die Weißen exiliert, also auch Dante Alighieri. Über ihn wurde ein Todesurteil verhängt, und man zog die Güter seiner Familie ein. Verantwortlich für diese Entscheidung war die Familie der Adimari, die zu den Magnaten in Florenz zählten. Dem Dichter blieb nur die Wahl, seiner weißen Ideologie treu zu bleiben oder sich pragmatisch mit den ehemaligen Feinden zu verbünden. Dante entschied, seine Heimatstadt nie wieder zu betreten. Mit seinen Gegnern rechnete er in der Commedia ab.

          Überheblichkeit und Arroganz

          Im achten Gesang des Inferno gelangen Dante und Vergil in den fünften Höllenkreis, der den Jähzornigen vorbehalten ist; bewacht vom dämonischen Phlegyas. Die Reisenden steigen in des Fährmanns Kahn, der sie über den toten Sumpf trägt. Als aus den schmutzigen Wogen ein verfluchter Geist (Filippo Argenti) aufsteigt, Dante dreist zur Rede stellt und nach der Barke greift, wehrt Dante diesen heftig ab. Vergil lobt seinen Schützling dafür und stößt den Hochmütigen zurück „zu den andern Hunden“, aus Wut darüber, Dantes nicht habhaft geworden zu sein. Geschichte und Grammatik lassen eine Übertragung des Sich-selbst-Zerfleischens auf die Florentiner im Allgemeinen zu.

          Argenti ist nicht der einzige Florentiner, den Dante in die Hölle schickt, doch diesen möchte er mitleidlos untertauchen sehen in jener Brühe. Wer war der Mensch, den Dante derart verachtet wie sonst keinen in der Commedia?

          Anschaulichkeit, Einfallsreichtum und Phantasie

          Wenig ist über Filippo Cavicciuoli Adimari bekannt, doch Autoren wie Boccaccio oder Sacchetti bescheinigen ihm Überheblichkeit und Arroganz. Der anmaßende Filippo wurde Argenti genannt, weil er – so Boccaccio – derart reich war, dass er sein Pferd mit silbernen Eisen beschlagen ließ. Der Bruder Filippos beanspruchte nicht nur Dantes konfiszierte Güter, sondern erhielt sie auch. Eine persönliche Abneigung Dantes gegenüber Filippo ist folglich nachvollziehbar, wenn auch nicht belegbar. Die Heftigkeit der geschilderten dramatischen Handlung sucht in der Commedia ihresgleichen und nimmt durch Vergils Parteinahme für Dante, den er hier – einmalig im Werk – umarmt und küsst, geradezu die Form eines Exemplum an, gleichsam eine Mahnung an die Hochmütigen, wobei der tugendhafte Dante das Gegenstück zu dem verdammten Argenti gibt.

          Dantes Inferno hat durch Anschaulichkeit, Einfallsreichtum und Phantasie über die Jahrhunderte hinweg zahlreiche Künstler inspiriert. Handschriften der Commedia wurden in Florenz bereits zu Beginn des Trecento geradezu seriell produziert. Das setzte Werkstätten mit hoch spezialisierten Kopisten und Miniaturmalern voraus, die sich Geschmack und Geldbeutel ihrer Auftraggeber anzupassen vermochten. Eine der großen Werkstätten, die sich federführend in den dreißiger bis fünfziger Jahren des vierzehnten Jahrhunderts der Commedia widmeten, war die des Pacino di Buonaguida. Mehr als jeder andere Zeitgenosse illuminierte er über fünfzehn bis zwanzig Jahre hinweg Dantes Commedia mit lebendigen Bildern. Die Galleria dell’Accademia besitzt neben dem berühmten David Michelangelos auch wichtige Werke Pacinos als eines der bedeutendsten Maler und Miniaturisten des Trecento in Florenz.

          Cecilie Hollberg ist Direktorin des Museums Galleria dell’Accademia in Florenz.

          Alle bisherigen Folgen unserer Serie und einen Link zu Übersetzungen finden Sie unter www.faz.net/dante.

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