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Dantes Verse : Blutende Bäume

  • -Aktualisiert am

Dantes Verse Bild: Natascha Vlahovic

Wenn wir sie brechen, bluten sie dann nicht? Auch die Pflanzen leiden in Dantes Hölle, aber in diesem Bild steckt auch ein Gruß an einen großen Vorläufer.

          3 Min.

          Als ich ein wenig vor die Hand nun streckte,
          Ein Ästchen eines großen Dornstrauchs pflückend,
          Schrie laut sein Stamm: „Warum doch mich zerknicken?“

          Allor porsi la mano un poco avante
          e colsi un ramicel da un gran pruno;
          e ’l tronco suo gridò: „Perché mi schiante?“

          (Inferno XIII/31-33)

          Ein normaler Wald ist es gewiss nicht, den Vergil und Dante betreten. Er scheint aus lauter Verneinung zu bestehen, dreimal wird die Negation „non“ gehämmert: Kein grünes Laub, keine glatten Äste, keine Früchte. Geräusch macht er gleichwohl, „Wehgeschrei von allen Seiten“, ohne dass Menschen zu sehen wären. Dafür nisten Ausgeburten der Hässlichkeit auf den Ästen, die Harpyien, Monstervögel mit Frauengesichtern und bekrallten Füßen, hacken auf den schwarzen Baum-Armen herum. Wir sind im zweiten Ring des siebten Höllenkreises.

          Als Dante einen kleinen Zweig von einem Dornbusch bricht, schreit der mit menschlicher Stimme, „Worte und Blut“ quellen aus dem abgerissenen Holz. Nie war Dante animistischer: Seelen, in blutenden Bäumen und schreienden Sträuchern verborgen. Eine von ihnen protestiert energisch und heischt Mitleid. Der Höllentourist Dante soll sich ertappt fühlen.

          Die Stimme gehört Pier della Vigna (1200 bis 1249), dem Selbstmörder, der als letztes Privileg im gottverlassenen Inferno seine Geschichte erzählen darf: Wie er als hoher Würdenträger am sizilianischen Hof des Stauferkaisers Friedrich II. nach glanzvoller Karriere in Ungnade fiel, von Neidern der Untreue beschuldigt, dann eingekerkert und geblendet wurde, worauf er seinem unerträglichen Leben selbst ein Ende setzte. Und er, der seinem Herrn niemals die Treue gebrochen habe und sich als „Gerechten“ bezeichnet, bittet nachdrücklich darum, in der Oberwelt seinem Andenken aufzuhelfen, das „noch darniederliegt von dem Schlag, den der Neid ihm versetzte“.

          Neben Dante steht sein „Meister“ Vergil, Coach und Begleiter, Reiseleiter, Seelenmasseur. Die blutenden, sprechenden Bäume, die als „unglaubliche Sache“ (cosa incredibile) bezeichnet werden, sind auch eine Verbeugung vor dem großen Mantuaner, der im dritten Buch seiner Aeneis das pittoreske Motiv erfunden hatte. Am Fuß des Idagebirges bricht der Irrfahrer Aeneas zur Schmückung eines Altars Äste von einem Gestrüpp ab, das schwarz zu bluten anfängt und sich mit menschlicher Stimme an ihn wendet. Der sprechende Tote ist Polydoros, jüngster Sohn des trojanischen Herrschers Priamos, den dieser, um ihn vor dem Untergang Trojas in Sicherheit zu bringen, zur Erziehung zum thrakischen König Polymestor schickte, ausgestattet mit einem Goldschatz. In schändlicher Missachtung des Gastrechts raubt der Thraker das Gold und tötet den jungen Mann.

          Dante versucht nicht nur, seine Commedia mit der großen Aeneis zu verschwistern, er will sie auch übertrumpfen in einem Wettbewerb von Drastik, Skandal und Theologie. Mit der Verwandlung von Menschen in Bäume wird auch noch Ovid zitiert, der Metamorphosen-Experte, die andere antike Autorität. Natürlich sind die Selbstmörder in der Hölle geparkt, wo denn sonst? Menschsein gibt es hier nur in der Vergangenheitsform: „Menschen waren wir; jetzt sind wir Gestrüpp.“ Es ist herrlich, in Gustave Dorés berühmten Inferno-Illustrationen zu blättern, es schaudert einen angesichts der gespenstischen Bäume und Äste, die verrenkten Gliedern gleichen und die Selbstmörder darstellen, Symbole der Verkrümmtheit, Knorrigkeit, Verknotung. Der Verneinung.

          Das mittelalterliche Christentum war hartherzig zu ihnen: Gottgegebenes Leben wegzuwerfen, war eines der größtmöglichen Verbrechen. In geweihter Erde durften sie nicht ruhen. Für Menschen der Antike, die Stoiker, konnte der Suizid ehrenhaft sein, gar ein letzter Akt der Freiheit. Das Christentum kannte kein Pardon.

          Dante ist aber kein Nachbeter, er mag des Kirchenvaters Augustinus heftige Verdammung der Selbsttöter nicht völlig teilen. Denn bei aller Drastik der geschilderten Höllenqualen ist das „Inferno“ eine Schule der Empathie, Einladung zur Einfühlung. Und also Literatur. Dante, der Erfinder grausamster Strafen, ist ein Prophet des Mitleids. Seine Reaktionen auf die Schreckensszenen, denen er im Jenseits begegnet, sind betont körperlich: Mal erbleicht er, mal fällt er in Ohnmacht, mal verschlägt es ihm das Wort. Die Begegnung im schwarzen Wald der Selbstmörder lehrt ihn das Mitleid mit den „Gewalttätigen gegen sich selbst“. Vergil, der Einflüsterer, ermuntert den Ermittler Dante, die blutende Seele noch weiter auszufragen, aber Dante kann nicht mehr, in Vers 84 heißt es: „So sehr greift Mitleid mir ans Herz.“ Die Worte brechen ab, wo das Mitgefühl übermächtig wird. Derweil die Bäume bluten.

          Ralph Dutli ist Schriftsteller.

          Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

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