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Buch „Logik für Demokraten“ : Die Populisten sind unter uns

Populisten sind immer die Anderen: Plakat zur Landtagswahl im Saarland mit Oskar Lafontaine Bild: Reuters

Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn hält Logik für ein wirksames Rezept gegen den Populismus. Klingt naiv? Kommt darauf an, wen er meint.

          Es sind, wenn man die Sache aus der Ferne betrachtet, von dort aus, wo man nur den Eifer und die Leidenschaft der Beteiligten sieht, phantastische Zeiten für die Demokratie: Die Meinungen sind so verschieden wie lange nicht, Menschen, die jahrelang desinteressiert nebeneinander herlebten, streiten sich plötzlich energisch über Politik – und sogar die größten Selbstverständlichkeiten, auf die man sich einmal im gesellschaftlichen Konsens geeinigt hatte, werden auf einmal hinterfragt.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wer sich die Dinge allerdings aus der Nähe anschaut, erkennt leicht, dass es sich bei diesen Lebenszeichen nur um ein trauriges Spektakel handelt, um den Rauch einer teuflischen Maschine, die aus Wut und Empörung einen ordentlichen Krawall produziert. Man muss gar kein Mechaniker sein, um zu erkennen, auf welche Knöpfe einer drücken muss, damit diese Maschine besonders viel Nebel hervorbringt. Nur leider lassen sich die Automatismen der politischen Debatte trotzdem nicht stoppen. Wer es nämlich versucht, der steckt schon mittendrin.

          Seit sich politische Ansichten zunehmend in Formen artikulieren, die man als „populistisch“ bezeichnet, in einer Rhetorik also, die nicht an Dialog und Verständigung interessiert ist, sondern eher an medialer Aufmerksamkeit und maximaler Verbreitung, suchen besonnene Demokraten nach Mitteln, den dogmatischen Kern dieser Äußerungen freizulegen, ohne den Provokationen in die Falle zu gehen. Dass der Populismus seine Überzeugungskraft nämlich gerade aus dem Widerspruch gewinnt, aus der Empörung und der Zurechtweisung jener gesellschaftlichen Mitte, die er eben empören will, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Zwar dürfte es den populistischen Demagogen auch in Zukunft kaum schwerfallen, jemanden zu finden, der ihnen die Unsagbarkeit ihrer Ausfälle entrüstet attestiert, sei es aus tatsächlicher Betroffenheit oder auch nur, um selbst vom anschließenden Lärm zu profitieren. Immer öfter aber kann man auch das Bemühen beobachten, die Sorgen jener Mitbürger ernst zu nehmen, auf die das wachsende Angebot an einfachen Lösungen antwortet.

          Man habe deren Interessen viel zu lange vernachlässigt, so das immer lauter werdende „nostra culpa“ in Politik und Medien, und sie, statt sie mit Argumenten zu überzeugen, viel zu oft mit Polemik bekämpft. Ob amerikanische Journalisten versprechen, mal wieder im Flyover Country zwischenzulanden, oder deutsche Fernsehreporter die Pegida-Demonstranten persönlich davon überzeugen wollen, dass sie ihre Befehle nicht von Angela Merkel erhalten: Überall ist die Hoffnung erkennbar, dass die verunsicherten Anhänger reaktionärer Ansichten vielleicht ein bisschen leiser schreien, wenn man ihnen nur richtig zuhört.

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