https://www.faz.net/-gqz-rg16

Belletristik : Was vom Tage übrigbleibt

Wer zuviel wagt, kann scheitern

Daß nicht alle literarischen Wege in die Vergangenheit führen müssen, zeigt Matthias Polityckis vitalistisches Kuba-Epos „Herr der Hörner“ (Luchterhand) ebenso wie Ingo Schulzes Roman „Neue Leben“ (Berlin Verlag). Zwei Romane, zwei Kraftakte von jeweils etwa siebenhundert Seiten, was auf ein gewisses Selbstbewußtsein und beachtliche Energievorräte der Autoren schließen läßt. So unterschiedlich die Bücher auch sind, schon allein in der Wahl ihrer Schauplätze Kuba und Thüringen, eines haben sie leider gemeinsam: eine Hauptfigur, die den Leser nicht zu fesseln vermag. Beide Romane verlangen vom Leser, daß er sich ihnen für viele Stunden überläßt, bleiben aber die Gründe dafür schuldig. Schulzes Konstruktion eines fiktiven Herausgebers, die Fußnoten, der Anhang von 150 Seiten - all das baut mehr Distanz auf, als der Roman verkraften kann.

Wer zuviel wagt, kann ebenso scheitern wie derjenige, der zuwenig wagt. A. L. Kennedy wagt in jedem ihrer Bücher mehr, als ratsam scheint. Sie unternimmt extreme Gratwanderungen, scheut vor größter Drastik ebensowenig zurück wie vor größter Intimität und zartesten Gefühlsregungen. Aber die existentielle Wucht und innere Notwendigkeit ihrer Literatur trägt den Leser über alle Klippen und Abgründe. Ihr neuer Roman „Paradies“ (Wagenbach) erzählt die Liebesgeschichte zweier Alkoholiker, eine Glückssuche, in deren Zentrum Hannah steht, eine Frau, die im geregelten Ablauf des bürgerlichen Lebens untergeht wie in einem reißenden Fluß. Wer den Kapitalismus erfunden hat, glaubt Hannah, könne gewiß kein Alkoholiker gewesen sein.

Der bedeutendste Roman des Herbstes

Ein Satz, dem Michel Houellebecq vermutlich zustimmen würde. Sein neuer Roman „Von der Unmöglichkeit einer Insel“ (DuMont) handelt von der Gegenwart ebenso wie von der Zukunft und ähnelt darin dem neuen Buch des in England aufgewachsenen japanischen Autors Kazuo Ishiguro. „Alles, was wir geben mußten“ (Blessing) beginnt wie eine klassische englische Internatsgeschichte. Aber die Kinder, die hier umsorgt und unterrichtet werden, sind geklonte Wesen. Bei Houellebecq ist der Klon der Übermensch der Zukunft, bei Ishiguro ist er ein menschliches Ersatzteillager, dessen einziger Lebenszweck darin besteht, Organe zu spenden. Houellebecqs Name ist in aller Munde, Ishiguro ist dem breiten Publikum einstweilen noch weitgehend unbekannt, obwohl die Verfilmung seines mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Romans „Was vom Tage übrigblieb“ recht erfolgreich war. Jetzt dürfte er auch in Deutschland die Aufmerksamkeit erfahren, die ihm gebührt: „Alles, was wir geben mußten“ ist ohne Frage der bedeutendste Roman dieses Bücherherbstes.

Er schildert das beklemmende Experiment, das in dem Internat Hailsham durchgeführt wird, um herauszufinden, ob die Klone eine Seele haben, also wie Menschen behandelt werden müssen. Dazu werden sie aufgezogen wie ganz normale Kinder - und so entwickeln sie sich auch. Einer der genialen Kunstgriffe Ishiguros besteht darin, daß er uns das Geschehen nur aus der Sicht der Klone beobachten läßt. Sie haben Träume und Sehnsüchte, sie lieben und leiden, aber ihr Schicksal in Frage stellen oder dagegen aufbegehren, das können sie nicht. Ihre Trauer ist von der gleichen Art wie die des kleinen Gauß, denn auch für sie bedeutet Erkennen Verzweiflung.

Der Leser wird erwartet

Die Welt ist vermessen, kartiert und entzaubert. Die Literatur ist es noch nicht. Bis in den hintersten Winkel sind die Forscher und Geodäten gekrochen, Chronometer und Sextanten aus Messing, blankgeputzt und fein graviert, in ihrem Gepäck. Da kann und will die Literaturkritik nicht mit. Sie nimmt ihre Gegenstände in die Hand, dreht und wendet sie, wirft sie in die Luft, um spielerisch Gewicht und Flugeigenschaften zu prüfen, lugt in alle Ecken und Ritzen und stellt sie zurück ins Regal, damit ein anderer komme, um die Prozedur auf seine Weise zu wiederholen: der Leser. Der Bücherherbst erwartet ihn.

Weitere Themen

Stratege des visuellen Schocks

Montagen von John Heartfield : Stratege des visuellen Schocks

Anstatt durch die Räume der Berliner Akademie der Künste zu schlendern, können die Fans des Montagekünstlers John Heartfield sein Werk jetzt online betrachten. Und das kann auch Vorteile haben.

Am Ende landen sie im Graben

„Tatort“ aus Dresden : Am Ende landen sie im Graben

Überhitztes Kammerspiel: Im Dresdner „Tatort“ wird eine Geiselnahme zur Geduldsprobe für die Polizei. Und alles nur, weil ein Familienvater das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren hat.

Topmeldungen

Unter Federführung des Robert- Koch-Instituts haben Experten im Jahr 2012 durchgespielt, was in Deutschland passieren würde, wenn sich eine Seuche ausbreitet. Der Bericht ging an alle Bundestagsabgeordneten.

Pandemie-Szenario : Der Bericht, den keiner las

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz warnte schon 2012 vor einem Virus, das unser Gesundheitssystem zum Einsturz bringen könnte. Doch geschehen ist nichts. Die Autoren sagen: Weil sich keiner dafür interessierte.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.