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Corona-Tagebücher : Was unsere Seele beschäftigt

Ein geschützter Garten für all unsere Geschichten: Romantische Decamerone-Darstellung von Franz Xavier Winterhalter, 1837. Bild: Picture-Alliance

Draußen steht das Leben still, doch im Internet läuft es auf Hochtouren weiter. Es gilt schließlich, einen Ausnahmezustand literarisch zu verarbeiten – wie einst Samuel Pepys die Pest in London.

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          Die Pest hat in dieser Woche auch unsere Pfarrgemeinde erreicht und ist jetzt wirklich überall, so daß ich mir vorgenommen habe, meine Angelegenheiten zu ordnen, die jenseitigen wie die weltlichen. Gott steh mir bei“, notiert Samuel Pepys Ende Juli in sein Tagebuch, und Anfang August setzt er sich an sein Testament (zitiert nach der Übersetzung von Georg Deggerich, Haffmans bei Zweitausendeins, 2010).

          Die Große Pest von 1665, die bis zur Mitte des folgenden Jahres etwa hunderttausend Menschenleben kosten wird, ein Viertel der Londoner Bevölkerung, ist ein Ereignis im Leben des Beamten der Londoner Flottenadmiralität, dem zunächst nur eine Nebenrolle zukommt. Viel mehr beschäftigen Pepys die leidigen Abrechnungen für den „Tanger-Ausschuß“, dem er angehört, und denen monatelang nicht beizukommen ist. Es dauert mehrere Wochen, bis er im Juni notiert: „Sah heute mit großem Unbehagen in der Drury Lane zwei, drei Häuser mit einem roten Kreuz auf der Tür und darunter die Aufschrift ,Gott erbarme sich unser‘ – ein trauriger Anblick. Habe so etwas, wenn ich mich recht erinnere, zuvor noch nicht gesehen. Hatte danach das Gefühl, von mir selbst ginge ein sonderbarer Geruch aus, was sich erst wieder legte, nachdem ich mir etwas Rolltabak zum Riechen und Kauen gekauft hatte.“

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