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Cornelia Funke-Ausstellung : Die wilden Märchenhelden malt sie selbst

Illustration zu „Lilli, Flosse und der Seeteufel“ aus dem „Reiseführer“ zur Ausstellung „Eine andere Welt“ von Cornelia Funke. Bild: Günter-Grass-Haus Lübeck

Cornelia Funke schreibt Millionenbestseller. Dass sie als Illustratorin angefangen hat, gerät dabei leicht in Vergessenheit. In Lübeck kann man jetzt ihre besten Bilder sehen.

          Ein Marder klettert auf ein Buch, schaut wie lesend hinein, während Flammen um ihn züngeln und am Horizont eine Armee von Schattenkriegern erscheint - so also, mit dem klaren Hinweis auf eine actionreiche Handlung hätte das Cover von „Tintenherz“ aussehen können, Cornelia Funkes Jugendbuch-Welterfolg von 2003. Stattdessen entschied sich der Verlag zu Funkes Erleichterung unter vielen Entwürfen für den ungewöhnlichsten: Er versammelt eine Reihe kunstvoll geschmückter Initialen, um die sich Blumen ranken oder Fabelwesen tummeln. Und setzt damit um, was den Roman um den Buchbinder Mo, seine Tochter Meggie und den Feuerschlucker Staubfinger so besonders macht, nämlich das ebenso lustvolle wie lebensgefährliche Spiel mit einer aus Buchstaben erschaffenen Welt.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass sich die Autorin damals mit dem endgültigen Entwurf anfreunden konnte, liegt auf der Hand - schließlich stammt er von ihr, so wie die übrigen auch. Zu sehen sind sie im Rahmen einer Cornelia Funke gewidmeten Ausstellung im Lübecker Günter-Grass-Haus. „Mehrfachbegabungen“ sollen seit der Eröffnung im Jahr 2002 an diesem Ort gewürdigt werden, Künstler wie Robert Gernhardt, Janosch oder Wilhelm Busch, deren Werk vom engen Zusammenspiel zwischen Bild und Text geprägt ist, oder auch Dichter wie Goethe, E. T. A. Hoffmann und Gottfried Keller, deren Talent als Zeichner die literarische Begabung ergänzt. Natürlich wäre auch der Hausherr Grass zu nennen, dessen Radierungen, Zeichnungen und Skulpturen hier ebenfalls präsent sind - wer durchs Vorderhaus in den Hof geht, sieht einen riesigen metallenen Arm, wie aus dem Boden gewachsen, der einen Butt in die Höhe reckt.

          Doppelbegabung für Bild und Text

          Dass Cornelia Funke ihre Laufbahn als Illustratorin für andere Kinderbuchautoren begonnen hat, lange bevor sie selbst als Schriftstellerin auftrat, gerät angesichts von mehr als 20 Millionen verkauften Funke-Büchern mitunter in Vergessenheit, und auch die Lübecker Ausstellung streift diese Phase nur flüchtig. Umgekehrt aber hat Funke auch mit dem Wechsel zum Schreiben den Zeichenstift nicht aus der Hand gelegt und von „Drachenreiter“ über „Herr der Diebe“ bis eben „Tintenherz“ die meisten ihrer Erfolgsromane graphisch gestaltet. Auf diesen Arbeiten liegt ein Schwerpunkt der Ausstellung, die den Weg verfolgen lässt, den Funke dabei beschritten hat und der von den eher flächigen Bildern in betont bunten Farbzusammenstellungen hin zu den filigranen Zeichnungen etwa der „Tintenwelt“-Romane führt.

          Deutlich wird auch, wie eng die phantastischen Welten der Autorin an unsere Realität gebunden sind, wenn etwa in den Illustrationen zu „Herr der Diebe“ ein exaktes Abbild der Stadt Venedig entworfen oder in „Tintenherz“ Ligurien zitiert wird. Besonders erhellend wird die Ausstellung in dem Teil, der den „Reckless“-Romanen gewidmet ist, den Büchern um eine Welt, die der unsrigen als in der technischen und politischen Entwicklung verzögertes Abbild gegenübersteht - wer sie etwa durch einen Zauberspiegel betritt, begegnet Zuständen wie im späten 19. Jahrhundert. Gleichzeitig aber sind Märchengestalten hier real, und dieses nicht selten verstörende Spannungsverhältnis aus Historie und Magie prägt auch Funkes Zeichnungen erheblich.

          Cornelia Funke: Ihre Doppelbegabung für Schreiben und Zeichnen erschöpft sich nicht darin, dass sie beides kann, das eine bestimmt das andere mit.

          In Lübeck aber erweitert sie den Blick auf diese Bücher, indem sie visuelle Vorlagen für ihre Protagonisten ausstellt - Fotos zumeist, die vor 1900 aufgenommen wurden. Da sieht man etwa eine gewisse Celeste Auger mit wilder Mähne und überlegenem Blick, die Funke vor sich sah, als sie die gestaltwandlerische Fuchsfrau entwarf, und zugleich wird deutlich, dass ebendieses Foto meilenweit von der literarischen Gestalt entfernt ist, zu der auch noch ganz andere Einflüsse beigetragen haben, allen voran wohl die europäische Märchentradition. Funkes Lesung bei der Eröffnung der Ausstellung, in der Teile des noch unpublizierten dritten „Reckless“-Bandes zu hören waren, unterstrich diesen Befund jedenfalls nachdrücklich, indem gerade die schillernde Wandelbarkeit dieser Fuchsfrau dargestellt wurde.

          Ein Doppelbegabung für Bild und Text, so mag man sich das übersetzen, erschöpft sich nicht darin, dass man das Schreiben und das Zeichnen beherrscht. Interessant wird es immer dort, wo das eine das andere mitbestimmt. Speziell im Fall von Cornelia Funke wäre das einen zweiten Blick wert.

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