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Comic-Kunst : Reise ans Ende der Macht

... war auch die Arbeit der „Association” noch eine andere Bild: Lewis Trondheim / Reprodukt

Sie haben Marjane Satrapi entdeckt. Und „Persepolis“ wurde der größte Erfolg in der fünfzehnjährigen Geschichte der „Association“. Zum Geburtstag haben die Gründer des Comic-Avantgarde-Verlags in Paris mit ihrem Fach abgerechnet.

          Zum Geburtstag hat "L'Association" drei ihrer Gründer mit ins Centre Pompidou gebracht - und den einen Weltstar, der sich im Programm des Pariser Verlags findet. Marjane Satrapi sitzt ganz rechts auf der Bühne und läßt ununterbrochen ihren Kaugummi im Mund kreisen, auf daß sie das hier geltende strikte Rauchverbot für zwei Stunden überstehe. Auf der Frankfurter Buchmesse des vergangenen Jahres hatte man für die Autorin noch eine Ausnahme gemacht.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Da hatte sie gerade die Auszeichnung zum deutschen "Comic des Jahres" entgegengenommen, denn ihr vierbändiges Werk "Persepolis", eine Schilderung der eigenen Kindheit und Jugend in Iran, ist nicht nur in Marjane Satrapis jetziger Heimat Frankreich ein gewaltiger Erfolg. Erst vergangene Woche feierte die "New York Times" die Vollendung der englischen Übersetzung, und in die weiteren wichtigen westlichen Sprachen ist "Persepolis" auch schon übertragen. Nur Iran selbst verweigert sich noch.

          Bis in den Supermarkt gekommen

          Der vor fünfzehn Jahren von insgesamt sechs Kollegen gegründeten "Association" hat Marjane Satrapi mit diesem Coup, der dem Verlag in Frankreich Auflagenhöhen von mehreren Hunderttausend beschert hat, einen gewaltigen Schub gegeben. Plötzlich findet man die Bücher des Hauses überall, in Belgien sogar in einer Supermarktkette. Das ist erstaunlich, denn eines der unverrückbaren Prinzipien, nach denen "L'Association" arbeitet, ist es, dem Buchhandel kein Remissionsrecht einzuräumen. So will man Liquiditätslücken verhindern, behindert aber gleichzeitig den Absatz. Zumindest war das vor "Persepolis" so.

          Die Einnahmen aus Marjane Satrapis Büchern haben die stets prekäre Lage des vom Klein- zum mittleren Verlag aufgestiegenen Hauses entspannt, aber nicht beseitigt. Aus dem Risiko erwächst aber auch ein nicht geringer Teil des Selbstbewußtseins der drei Gründer, mit dem sie sich an diesem Mittwoch im Centre Pompidou präsentiert haben. Schon ihre bloße Präsenz bot allen Grund zum Staunen, denn die Reihe "Revues parlées litterature", in deren Rahmen sie eingeladen wurden, hat Comics bislang nie berücksichtigt. Allerdings gelten die Arbeiten, die "L'Association" verlegt, durchweg als literarisch wertvoll - worüber man in einigen Fällen streiten könnte, was bei mittlerweile 270 lieferbaren Titeln nicht überrascht.

          Jedenfalls stand der Ruf des allzu Anspruchsvollen dem kommerziellen Durchbruch lange entgegen. Die sechs Gründer, Jean-Christophe Menu, Patrice Killoffer, Lewis Trondheim, Stanislas, Matt Konture und David B. mußten alle das vierzigste Lebensjahr überschreiten, ehe sie ihn genießen durften. Und ein schüchterner Eigenbrötler wie Konture dürfte sich nicht einmal richtig darüber gefreut haben. Auf der Bühne jedenfalls überließ er seinen eloquenten Kollegen das große Wort und vergrub sich hinter Rastalocken und verkrampft verschränkten Händen.

          Der Hase im Großverlag

          Mit "L'Association" wollte das Sextett gegen das Einheitsprogramm der französischen und belgischen Großverlage eine Palette von Comics setzen, die nicht an das dort gängige Standardformat gebunden sein sollte. Menu nennt dessen Vorgaben verächtlich "48CC" - achtundvierzig Seiten, koloriert, kartoniert. Solche Abkürzungen stehen in der Sprachregelung von "L'Association" immer für üble Kompromißbereitschaft und Vereinfachung. So lehnt das Haus auch das in Frankreich gängige Kürzel "BD" für "bandes dessinées" (Comics) vehement ab und verwendet es nur als Beleidigung.

          Aber natürlich gibt es einen zweiten, mutmaßlich noch wichtigeren Grund für die Existenz von "L'Association". Die sechs seinerzeit weitgehend unbekannten Initiatoren wollten endlich ihre eigenen Comics gedruckt sehen. Das haben sie geschafft, und einige von ihnen haben diese Publikationen als Sprungbrett zu anderen, gar zu den verhaßten Großverlagen genutzt.

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