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Colm Tóibín im Gespräch : Marias Erfahrung, in all ihrer traumatischen Rohheit

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Die Predigten ihres Sohnes kennt Maria in Tóibíns Roman nicht, sie weiß nur, dass es Ärger gibt: Pietà der Elisabethkirche in Marburg Bild: INTERFOTO

Der irische Schriftsteller Colm Tóibín erzählt in seinem jüngsten Buch „Marias Testament“ die Passionsgeschichte aus der Sicht der Mutter Jesu. Eine Provokation? Oder eine Revolution?

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          In Ihrem neuen Roman erzählt die Gottesmutter Maria, wie sie die Verhaftung und Kreuzigung ihres Sohnes beobachtet hat: Im Gegensatz zu den Jüngern gibt sie sich ungläubig gegenüber der Heilsverheißung von Jesus. Sie haben Ihren Roman nicht „Das Evangelium nach Maria“ genannt. Gleichwohl soll im Titel „Marias Testament“ doch wohl das Neue Testament anklingen?

          „Das Evangelium nach Maria“ wäre eine unverhüllte Provokation gewesen. José Saramago hat seinem Jesus-Roman den Titel „Das Evangelium nach Jesus Christus“ gegeben. Das Wort „Testament“ liegt nach meinem Geschmack in der Mitte: stärker als „Geschichte“, aber nicht ganz so stark wie „Evangelium“. Der Anklang von Förmlichkeit ist beabsichtigt. Maria gibt etwas zu Protokoll, aus gegebenem Anlass.

          Mit den Jüngern Jesu, die zu ihren Aufpassern geworden sind, während sie in Ephesus auf den Tod wartet, hat sie also zumindest das eine gemein, dass sie Zeugnis ablegen will.

          Es gibt einen Zusammenstoß von zwei Formen der Erzählung. Die Evangelien sind schöne Literatur. Man gibt der Erfahrung eine Form, versucht den Leser zu beeinflussen. Das Leben ist nur das Material, mit dem man zu arbeiten anfängt, nicht das, worauf man hinarbeitet. Die Evangelisten gehen wie ein Romanautor zu Werke: Sie lassen Dinge weg, fügen Dinge hinzu. Maria dagegen besteht auf dem Primat der Erfahrung, in all ihrer traumatischen Rohheit.

          Und doch enthält Ihr Roman Wunderberichte. Maria erzählt von der Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit von Kana und von der Auferweckung des Lazarus. Was soll der Leser davon halten? Glaubt Maria das?

          Die Hochzeit von Kana ist der einfachere Fall. In der allgemeinen Verwirrung war niemand sicher, was genau passiert war. Waren da nicht Weinkisten heimlich in den Saal gebracht worden? Maria sah kein Glas mit klarem Wasser, das sich allmählich in Wein verwandelte. Der Fall, auf den es ankommt, ist Lazarus. Ich habe versucht, ihn sozusagen zu umkreisen - als Geschichte. Einige Leute glauben an die Auferweckung und erzählen die Sache weiter, als wahre Begebenheit. Aber es gibt keine Augenzeugen. Nicht einmal die Schwestern des Lazarus erzählen die Geschichte. Andere Leute erzählen sie. So lagern sich Schichten von Zweideutigkeit um das Geschehen. Dennoch wird meinem Leser nahegelegt, es zu glauben - glaube ich. Und dann fällt ihm auf, dass die Zeugen fehlen. Ich wusste nicht genau, wie ich mit dem Fall umgehen sollte. Wunder passen schlecht in einen Roman. Aber es ist ein so starker Stoff! Unter allen Wundern kommt es auf dieses eine wirklich an.

           Der irische Schriftsteller Colm Tóibín
          Der irische Schriftsteller Colm Tóibín : Bild: picture alliance / dpa

          Ist es ein Wunder, dass Sie die Geschichte nicht gestrichen haben?

          Ich war auf dem Weg zur Hochzeit von Kana und dachte: Na ja, ein Absatz für Lazarus wird wohl genügen. Und dann schrieb ich noch einen und noch einen. In meinem Hinterkopf hatte ich ein Gedicht von Rilke, „Orpheus. Eurydike. Hermes“. Von Eurydike heißt es dort: Sie war so „voll von ihrem großen Tode“, dass sie von der Welt und der Liebe nichts mehr wusste; und als Hermes ihr voller Schmerz sagte, „er“ habe sich umgewendet, „begriff sie nichts und sagte leise: Wer?“ So weiß auch Lazarus nicht, wie ihm geschieht. Als ich die Lazarus-Episode schrieb, ging mir auf: Ich verwende das Gedicht.

          Soll der Leser sich vorstellen, dass eine Frau des ersten Jahrhunderts nach Christi Geburt wirklich wie Ihre Maria gesprochen haben könnte?

          Nein. Mein Buch verbirgt nicht, dass es im einundzwanzigsten Jahrhundert geschrieben worden ist. Ich gebe nicht vor, die Gedanken der Menschen des ersten Jahrhunderts lesen zu können. Dafür hätte ich eine archaische Sprache verwenden müssen. Was wir heute über posttraumatische Stresserkrankungen wissen, war noch vor fünfzig Jahren unbekannt. Es gibt keine Bücher von Historikern über Traumabewältigung im ersten Jahrhundert. Ich liebe Dürers Holzschnitte, in denen Jerusalem ganz eindeutig eine deutsche Großstadt seiner Zeit ist.

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