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Colm Tóibín im Gespräch : Marias Erfahrung, in all ihrer traumatischen Rohheit

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Wie haben Sie sich Ihrem Thema genähert? Haben Sie das Johannes-Evangelium noch einmal gelesen?

Ich habe in Ephesus angefangen, das Buch zu schreiben, zunächst ohne es zu merken. Eine Zeitung hatte mich dorthin geschickt, für eine Reportage. Jeden Tag wurde ich um vier Uhr nachmittags wieder vor meinem Hotel abgesetzt. Es war Dezember, die Stadt war leer, ich war der einzige Gast im Hotel. Also bin ich auf eigene Faust durch die Stadt gewandert. Und abends habe ich geschrieben. Ich hatte keine Literatur dabei und habe mir dort nur ein paar Stadtführer gekauft. Als ich nach Hause zurückkehrte, schlug ich das Johannes-Evangelium auf.

Marias Bericht über den Prozess Jesu deckt sich weitgehend mit der Schilderung bei Johannes. Hier soll sie Augenzeugin gewesen sein. Der Passionsbericht des Johannes mit den dramatischen Wortwechseln zwischen Pilatus und der Menge hätte insoweit also als akkurat und nicht als Produkt literarischer Gestaltung zu gelten?

Ich hatte den Bericht zunächst mit zusätzlichen Einzelheiten ausgeschmückt. Das habe ich alles wieder gestrichen, weil es die Handlung verzögerte. Alles drängt auf ein schnelles Ende.

Soll man in den Jüngern, wie Sie sie schildern, schon die Kirchenführer späterer Jahrhunderte erkennen?

Ja. Sie ergreifen ihre Gelegenheit. Sie verstehen, dass die Botschaft sich nur verbreiten kann, wenn sie unter redaktionelle Kontrolle gebracht wird. Daher die große Sorgfalt bei der Herstellung des Neuen Testaments. Sie überblicken schon fast vollständig die Organisationsstrukturen, die nötig sein werden.

Man hat den Eindruck, dass der Tod Jesu die Jünger weniger schockiert als Maria. Schon vor der Kreuzigung haben sie ihren Plan parat.

Am Abend vorher stellt Maria zu ihrem Schrecken fest: Sie ist allein - sie ist die Einzige, die das Ereignis verhindern will. Mir stand ein zeitgenössisches Handlungsmuster vor Augen: der Hungerstreik der IRA-Kämpfer, die Strategie der Selbstmordattentate. Die Gruppe weiß, dass sie überleben wird. Am Ende des Romans fragt Maria entgeistert: Sind sie wirklich noch am Leben? Ja, sie haben überlebt.

Der Statthalter und die Hohepriester wiegeln gemeinsam die Menge auf, die sich in einen blutrünstigen Mob verwandelt. In Programmheften von Aufführungen von Bachs Johannes-Passion steht heute manchmal ein Warnhinweis bezüglich der Darstellung des jüdischen Volkes. Haben Sie befürchtet, man werde Ihnen vorwerfen, den antisemitischen Topos der jüdischen Schuld am Tod Jesu wiederzubeleben?

Nein. Maria erzählt die Geschichte als Jüdin, sie lebt in der jüdischen Welt. Wenn sie über die jüdischen Anführer spricht, spricht sie über sich selbst. Es gibt noch kein Christentum. Die Schuld wird nicht auf die Juden abgeschoben. Hier sind alle Juden - außer den Römern. Vor zwei Wochen habe ich im Lincoln Center eine Johannes-Passion gehört, und eine jüdische Freundin erzählte mir, dass einige Dirigenten nach dem Zweiten Weltkrieg das Wort „Juden“ durch „Leute“ ersetzt hätten. Aber die Johannes-Passion ist aus einer christlichen Perspektive geschrieben. Ich bemühe mich darum, keine christliche Perspektive einzunehmen.

Maria sagt in Ihrem Roman ausdrücklich, dass sie nicht zu den Anhängern ihres Sohnes gehört. Gibt es nichts, was diese Witwe eines Zimmermanns an der Botschaft ihres Sohnes hätte faszinieren können?

Alles wird von diesen Männern niedergeschrieben. Man sagt ihr ja gar nicht, was ihr Sohn gesagt hat. Niemand erzählt ihr von der Bergpredigt. Sie bekommt nur mit, dass er Ärger macht. Warum hört sie die Botschaft nicht? Sie hat andere Sorgen. Alle anderen hören die Botschaft.

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