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Clemens Meyer und der Roman „Im Stein“ : Die Welt ist bunt und rot und stimmt nicht mehr

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Literatur ist nichts, wenn sie nicht weh tut: Clemens Meyer hat ein Buch über die Kehrseite der Gegenwart geschrieben Bild: Pein, Andreas

Der Leipziger Autor Clemens Meyer hat einen Roman über die dunkle Seite unserer Gegenwart geschrieben. Brutal, direkt, anrührend und gemein. Ein Treffen in Kreuzberg.

          Na ja, das hätte mich jetzt auch gewundert, wenn ich da nicht draufgestanden hätte“, sagt Clemens Meyer, als ich ihm zur Aufnahme seines neuen Romans „Im Stein“ auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gratuliere. Es ist Mittwoch, Sonne in Kreuzberg, eine blaugekachelte Bar, Clemens Meyer im himmelblauen Knitterhemd, Sakko und Durs-Grünbein-Brille. Die Longlist mit zwanzig Titeln ist gerade erst bekanntgegeben worden.

          Er scheint wirklich nicht sehr beeindruckt. Profi. Wie anders damals, 2008, als er mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, alle saßen so still in der Leipziger Messehalle in ihren Reihen, und dann hieß es plötzlich: „Meyer hat gewonnen“, und er sprang auf, riss eine offene Bierflasche in die Höhe, jubelte laut, und die Halle jubelte mit.

          Ein Buch über die unsichtbare Gegenwart der Prostitution

          Heute wirkt er zufrieden und erschöpft. „Ausgehöhlt“ von der Arbeit, sagt er. Von der Arbeit an diesem Klotz: 550 Seiten dick ist sein neuer Roman, eine Reise in die Nacht, brutal, dunkel, traumwandlerisch, surreal und oft grauenhaft präzise. Ein Buch über unser Land, unsere Gegenwart. Aber über die unsichtbare Gegenwart, das Leben jenseits einer unsichtbaren Grenze. Es ist ein Buch über Prostitution in Deutschland, über Prostituierte, Luden, Wohnungsvermieter, Kunden, Kinder, die Hells Angels, Könige der Nacht. Ein Buch über die Schattenwelt, in der sich so viele Menschen in Deutschland bewegen, ohne darüber zu sprechen. 400000 Prostituierte gibt es in Deutschland nach offiziellen Angaben, in Wahrheit sind es vermutlich sogar eine Million. 95 Prozent der Prostituierten sind Frauen, 95 Prozent der Kunden Männer. Ein gigantischer Wirtschaftszweig, eine andere Welt.

          Es ist verrückt und unheimlich, wie gut sich der Schriftsteller Clemens Meyer in dieser Welt auszukennen scheint. „Ich habe da Erfahrungen. Mehr sage ich dazu nicht“, erklärt er. Und dass am Anfang des Schreibens ein Zeitungsbericht stand, den er 1998 las, in dem vom Sturz eines Mannes berichtet wurde, der in Leipzig Wohnungen an Prostituierte vermietete. „Das hatte irgendwie Größe. Wie dieser Mann von seinem Thron gestoßen wurde und sein Imperium zerfiel. Und ich dachte mir damals, wenn er wieder aufsteht, wird er noch mächtiger werden.“ Ein solcher Mann, ein Wohnungsvermieter, ist auch einer der Menschen, die in diesem Buch immer wieder auftauchen. Niemand spricht so viel von Moral wie er. Und wie die Welt aussähe, wenn er sich nicht kümmern würde um die „Mädchen“. Er kümmert sich.

          Zum Semesterbeginn saß er wegen Diebstahls im Gefängnis

          Wenn Meyer diese Männerwelt beschreibt, ist er in seinem Element. Er hatte sie schon in seinem ersten Roman „Als wir träumten“ aus dem Jahr 2006 über eine phantastische Freundschaftsbande Leipziger Kleinkrimineller beschrieben. Und in Interviews dann gern bestätigt, dass er sich in dieser Welt so gut auskenne, weil er selbst in ihr gelebt habe und immer noch lebe. Zum ersten Semester im Leipziger Literaturinstitut konnte er zunächst nicht erscheinen, weil er wegen Autodiebstahls ins Gefängnis musste. „Shit happens“, soll sein Seminarleiter Burkhard Spinnen damals dazu gesagt haben.

          Also Männer, Gewalt, Boxen, Alkohol und Verbrechen: Das sind inzwischen, einen Erzählungs- und einen Tagebuchband später, schon beinahe so etwas wie Meyer-Klischees geworden. Umso überraschender, dass in seinem neuen Buch die Frauen im Zentrum stehen, die Prostituierten sind die beeindruckendsten Figuren. Nicht nur, weil sie die Opfer sind. Es sind natürlich auch gar nicht alle Opfer, das Wort kommt im Roman kaum vor. Sondern weil sie so direkt reden und so klug und sich ihre Lage so verzweifelt schöndenken und Clemens Meyer das immer wieder in inneren Dialogen darstellt, die meisterhaft sind. „Wenn ich die ganze Zeit ich selbst bin, würde es nicht gehen“, denkt eine.

          „Kolumbusfalter“ heißt das übelste Kapitel

          Das ist die Strategie der meisten Frauen, so wie Meyer sie beschreibt: eine andere Welt im Kopf. Die Männer nicht ansehen. Erinnerungen so groß und stark machen, dass die Gegenwart keine Gewalt gewinnt, keine Übermacht. „Auf dem Bahnhof gibt’s so einen Naturladen, da gehe ich jetzt oft hin. Ich vertrage das wirklich besser, wobei Parfüm und Deo würde ich mir da nicht kaufen. Da gehe ich weiter zu Douglas. Obwohl die Embryos verarbeiten. Come in and find out.“

          Über viele Seiten trägt uns dieser Bewusstseinsstrom. Immer wieder drängt die Gegenwart hinein: „Ich hab ja so ’ne Skala, dreckige Nägel und fauliger Atem ganz oben, nimmt sich alles nichts. Nicht viel. Und bei Atem gibt’s auch noch ’ne Unterskala.“ Dann taucht der Roman wieder für kurze Zeit auf, in unsere Tageswelt. Wie um zu zeigen: nein, nein, wir sind in keinem dunklen Schreckensreich im Irgendwo, wir sind hier. Viele Passagen sind zum Abwenden. Nicht voyeuristisch. Aber drastisch und einfach so genau und glaubwürdig, wie man es nicht wissen will. Das übelste Kapitel heißt „Kolumbusfalter“, der Titel des ersten Bandes der „Lustigen Taschenbücher“ mit Donald Duck.

          „Literatur muss weh tun, sonst ist es nichts wert“

          Die Mädchen, deren Weltsicht und deren Alltag in ihrem sogenannten Beruf hier beschrieben werden, sind dreizehn. Oder ungefähr. Manchmal wissen sie es selbst nicht so genau, wollen es gar nicht so genau wissen. Sie müssen ihr Alter sowieso jeden Tag irgendwie weglügen. Die Gedanken fliegen dann zwischen Donald Duck und den sogenannten „Kunden“ oder „Gästen“ hin und her. Und die Comicfiguren verwandeln sich in die Peiniger und umgekehrt.

          „Kunst muss weh tun“, sagt Meyer. „Literatur muss weh tun. Sonst ist es doch nichts wert. Ich weiß ja auch nicht, wieso alle diese leicht konsumierbare Kehlmann-Literatur lesen. Bücher zum Durchblättern und vergessen.“ Es sei ja fast so, als hätte es Genet und Céline und so nie gegeben. Natürlich sei es ihm nicht leichtgefallen, so ein Kapitel wie „Kolumbusfalter“ zu schreiben oder über den skrupellosen Moderator einer Hurentestsendung im Radio. Aber aus Feinsinnigkeit oder Diskretion Dinge auszusparen wäre ihm feige vorgekommen. Und feige schreibt Meyer nicht. Für dieses Feuilleton zum Beispiel hat er in letzter Zeit über den neuen Roman von Dan Brown, über Schachboxen und den sterbenden Fußballclub FC Sachsen Leipzig geschrieben.

          Der Anzugkörper und der Tintenkörper

          Jetzt sitzt er da, in dieser blauen Bar, im Gespräch schaut er mal rechts, mal links in die Luft, nur ungern in die Augen. An einem Hemdsärmel lugt ein blauer Eidechsenschwanz hervor: Meyer ist am ganzen Körper tätowiert. „Ich bin komplett zu“, hat er einmal gesagt. Und dass er es herrlich findet, zum Beispiel Anzug zu tragen, niemand sieht etwas, und dann den Ärmel hochzukrempeln, um seinen bebilderten Körper zu zeigen. Meyers zwei Körper. Der Anzug-und der Tintenkörper.

          Das ist auch das Besondere an seinem Schreiben: diese extreme, authentische Körperlichkeit, das scheinbar Unbehauene, Direkte, kombiniert mit einem großen literarischen Traditionsbewusstsein, einer großen Bewunderung älterer Autoren. Meyer ist ein Spurengänger, in seinem neuen Buch sind es vor allem die Spuren des 2007 gestorbenen Wolfgang Hilbig, in denen er geht. Hilbigs gewaltiger Tunnel- und Selbstbeobachtungsroman „Ich“ ist eine der Folien von „Im Stein“. In einem Nachwort zu „Ich“ hatte Meyer vor einem Jahr beschrieben, wie er in Berlin die Tunnel aufsuchte, von denen Hilbig schrieb, jene Tunnel, in die sich seine Zuhälter jetzt hineinflüchten. Und jener andere Tunnel, der immer noch gebaut wird, der City-Tunnel in Leipzig.

          Ein Tunnel, um die Hauptstadt mit Frauen zu versorgen

          Der Name der Stadt wird nicht genannt, aber die Tunnelarbeiten lassen immer wieder den Boden unter den Füßen der Nachtarbeiter zittern, so, als könne er sich jederzeit öffnen und sie verschlingen. „Dass er verschwand, denke ich, bevor sie diesen Irrsinn des City-Tunnels vollenden konnten, der irgendwo unter dem Bahnsteigtunnel sich tief, aber kurz unter die Stadt Leipzig wühlt und bricht. Und warum nicht gleich bis Berlin“, schrieb er da. Es ist der Traum auch der Zuhälterkönige in diesem Buch: ein Hurentunnel von Leipzig nach Berlin, um die Hauptstadt heimlich, schnell und direkt mit neuen Frauen aus dem Osten zu versorgen.

          Vielleicht tritt er sogar selber auf in diesem Buch, Wolfgang Hilbig, in dem anrührendsten Kapitel, es heißt „Die Nacht des Reiters“ und beginnt so: „Sie erzählen sich Geschichten über den kleinen Mann. Dass er nie schläft. Und dass er sucht. Seit vielen Jahren. Jede Nacht. Dass er mal ein berühmter Reiter gewesen ist. Ein Pferdemann. Bevor er anfing zu trinken. Manche erzählen, dass er auch schon getrunken hat in seinen großen Zeiten. Andere sagen, dass sie ihn selbst noch gesehen haben, auf dem Rücken der Pferde. Als sie Kinder waren. Der kleine Mann sucht sein Kind, sagen sie. Seine Tochter.“ Ein Mann eilt durch die Tunnel unserer Welt, um ein Kind zu finden, das vom Rand der Welt gefallen ist, der Welt, wie wir sie sehen, in jene andere hinein, die Unterwelt.

          Die kann man zum Beispiel so sehen: „Man ist irgendwie auf der anderen Seite. Auch wenn das komisch klingt jetzt. Was Besonderes. Nachtarbeiter. Wir sind mit der Stille verbündet. Ich denke manchmal, dass wir alle Schlafwandler sind.“ Denkt eine, die ganz gerne auf jener anderen Hälfte wohnt und lebt und arbeitet und schlafwandelt.

          Wolli Indienfahrer schied als Romanfigur aus

          Clemens Meyer verwandelt sich von Frau in Mann in Verbrecher, vom kleinen mickrigen Schwein in ein großes, gewaltiges Riesenschwein. Seine Moral hat er immer dabei. Oder besser: Jeder hat eben seine eigene Moral. Und wir Leser sehen diesen unbehausten Menschen bei ihren Moralvergleichen zu. Meyer schreibt mit kritischem Pathos, im Geheimen anklagend. Er geht durch diese Außenseitergesellschaft wie einst Hubert Fichte, ein anderes Vorbild von ihm. „Die Palette“ ist eines von Meyers Lebensbüchern. „Jäcki geht über den Gänsemarkt: Die Palette ist neunundachtzig bis hundert Schritte vom Gänsemarkt entfernt.“ So fängt das an. Bei Meyer heißt es: „Ecki geht über den Naschmarkt: Der ,Tote Eisenbahner‘ ist genau null Komma neun Kilometer vom Naschmarkt entfernt.“

          Eigentlich wollte er auch noch Wolli Indienfahrer treffen, den gescheiterten alternativen Puffkönig von St. Pauli, aus Fichtes gleichnamigem Buch, erzählt Meyer. Der lebe noch, 85 Jahre alt, in Hamburg, jedoch, nach lebenslangem exzessivem Drogengenuss, in anderen, unerreichbaren Geistessphären. Als Romanfigur schied er so aus.

          Dabei ist jene andere Bewusstseinswelt, sei sie dank Drogen, Phantasie oder purer Autorenmacht entstanden, ein wesentlicher Handlungsort des Buches. Manches spielt in einer erträumten Zukunft, manches auch im Totenreich. Wenn einer stirbt, dann sieht er und denkt er zum Beispiel: „Die Welt ist bunt und rot und stimmt nicht mehr.“

          Was stimmt denn überhaupt in dieser Welt. Das Gewöhnlichste ist phantastisch in diesem Buch und das Phantastische gewöhnlich, schmierig und gemein. Es geht um unsere Welt, den unsichtbaren Teil davon. „Die Front ist in unserer Mitte“, heißt es einmal. Und Meyer hat den Kriegsbericht geschrieben.

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