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Clemens Meyer und der Roman „Im Stein“ : Die Welt ist bunt und rot und stimmt nicht mehr

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Ein Tunnel, um die Hauptstadt mit Frauen zu versorgen

Der Name der Stadt wird nicht genannt, aber die Tunnelarbeiten lassen immer wieder den Boden unter den Füßen der Nachtarbeiter zittern, so, als könne er sich jederzeit öffnen und sie verschlingen. „Dass er verschwand, denke ich, bevor sie diesen Irrsinn des City-Tunnels vollenden konnten, der irgendwo unter dem Bahnsteigtunnel sich tief, aber kurz unter die Stadt Leipzig wühlt und bricht. Und warum nicht gleich bis Berlin“, schrieb er da. Es ist der Traum auch der Zuhälterkönige in diesem Buch: ein Hurentunnel von Leipzig nach Berlin, um die Hauptstadt heimlich, schnell und direkt mit neuen Frauen aus dem Osten zu versorgen.

Vielleicht tritt er sogar selber auf in diesem Buch, Wolfgang Hilbig, in dem anrührendsten Kapitel, es heißt „Die Nacht des Reiters“ und beginnt so: „Sie erzählen sich Geschichten über den kleinen Mann. Dass er nie schläft. Und dass er sucht. Seit vielen Jahren. Jede Nacht. Dass er mal ein berühmter Reiter gewesen ist. Ein Pferdemann. Bevor er anfing zu trinken. Manche erzählen, dass er auch schon getrunken hat in seinen großen Zeiten. Andere sagen, dass sie ihn selbst noch gesehen haben, auf dem Rücken der Pferde. Als sie Kinder waren. Der kleine Mann sucht sein Kind, sagen sie. Seine Tochter.“ Ein Mann eilt durch die Tunnel unserer Welt, um ein Kind zu finden, das vom Rand der Welt gefallen ist, der Welt, wie wir sie sehen, in jene andere hinein, die Unterwelt.

Die kann man zum Beispiel so sehen: „Man ist irgendwie auf der anderen Seite. Auch wenn das komisch klingt jetzt. Was Besonderes. Nachtarbeiter. Wir sind mit der Stille verbündet. Ich denke manchmal, dass wir alle Schlafwandler sind.“ Denkt eine, die ganz gerne auf jener anderen Hälfte wohnt und lebt und arbeitet und schlafwandelt.

Wolli Indienfahrer schied als Romanfigur aus

Clemens Meyer verwandelt sich von Frau in Mann in Verbrecher, vom kleinen mickrigen Schwein in ein großes, gewaltiges Riesenschwein. Seine Moral hat er immer dabei. Oder besser: Jeder hat eben seine eigene Moral. Und wir Leser sehen diesen unbehausten Menschen bei ihren Moralvergleichen zu. Meyer schreibt mit kritischem Pathos, im Geheimen anklagend. Er geht durch diese Außenseitergesellschaft wie einst Hubert Fichte, ein anderes Vorbild von ihm. „Die Palette“ ist eines von Meyers Lebensbüchern. „Jäcki geht über den Gänsemarkt: Die Palette ist neunundachtzig bis hundert Schritte vom Gänsemarkt entfernt.“ So fängt das an. Bei Meyer heißt es: „Ecki geht über den Naschmarkt: Der ,Tote Eisenbahner‘ ist genau null Komma neun Kilometer vom Naschmarkt entfernt.“

Eigentlich wollte er auch noch Wolli Indienfahrer treffen, den gescheiterten alternativen Puffkönig von St. Pauli, aus Fichtes gleichnamigem Buch, erzählt Meyer. Der lebe noch, 85 Jahre alt, in Hamburg, jedoch, nach lebenslangem exzessivem Drogengenuss, in anderen, unerreichbaren Geistessphären. Als Romanfigur schied er so aus.

Dabei ist jene andere Bewusstseinswelt, sei sie dank Drogen, Phantasie oder purer Autorenmacht entstanden, ein wesentlicher Handlungsort des Buches. Manches spielt in einer erträumten Zukunft, manches auch im Totenreich. Wenn einer stirbt, dann sieht er und denkt er zum Beispiel: „Die Welt ist bunt und rot und stimmt nicht mehr.“

Was stimmt denn überhaupt in dieser Welt. Das Gewöhnlichste ist phantastisch in diesem Buch und das Phantastische gewöhnlich, schmierig und gemein. Es geht um unsere Welt, den unsichtbaren Teil davon. „Die Front ist in unserer Mitte“, heißt es einmal. Und Meyer hat den Kriegsbericht geschrieben.

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