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Clemens Meyer und der Roman „Im Stein“ : Die Welt ist bunt und rot und stimmt nicht mehr

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„Kolumbusfalter“ heißt das übelste Kapitel

Das ist die Strategie der meisten Frauen, so wie Meyer sie beschreibt: eine andere Welt im Kopf. Die Männer nicht ansehen. Erinnerungen so groß und stark machen, dass die Gegenwart keine Gewalt gewinnt, keine Übermacht. „Auf dem Bahnhof gibt’s so einen Naturladen, da gehe ich jetzt oft hin. Ich vertrage das wirklich besser, wobei Parfüm und Deo würde ich mir da nicht kaufen. Da gehe ich weiter zu Douglas. Obwohl die Embryos verarbeiten. Come in and find out.“

Über viele Seiten trägt uns dieser Bewusstseinsstrom. Immer wieder drängt die Gegenwart hinein: „Ich hab ja so ’ne Skala, dreckige Nägel und fauliger Atem ganz oben, nimmt sich alles nichts. Nicht viel. Und bei Atem gibt’s auch noch ’ne Unterskala.“ Dann taucht der Roman wieder für kurze Zeit auf, in unsere Tageswelt. Wie um zu zeigen: nein, nein, wir sind in keinem dunklen Schreckensreich im Irgendwo, wir sind hier. Viele Passagen sind zum Abwenden. Nicht voyeuristisch. Aber drastisch und einfach so genau und glaubwürdig, wie man es nicht wissen will. Das übelste Kapitel heißt „Kolumbusfalter“, der Titel des ersten Bandes der „Lustigen Taschenbücher“ mit Donald Duck.

„Literatur muss weh tun, sonst ist es nichts wert“

Die Mädchen, deren Weltsicht und deren Alltag in ihrem sogenannten Beruf hier beschrieben werden, sind dreizehn. Oder ungefähr. Manchmal wissen sie es selbst nicht so genau, wollen es gar nicht so genau wissen. Sie müssen ihr Alter sowieso jeden Tag irgendwie weglügen. Die Gedanken fliegen dann zwischen Donald Duck und den sogenannten „Kunden“ oder „Gästen“ hin und her. Und die Comicfiguren verwandeln sich in die Peiniger und umgekehrt.

„Kunst muss weh tun“, sagt Meyer. „Literatur muss weh tun. Sonst ist es doch nichts wert. Ich weiß ja auch nicht, wieso alle diese leicht konsumierbare Kehlmann-Literatur lesen. Bücher zum Durchblättern und vergessen.“ Es sei ja fast so, als hätte es Genet und Céline und so nie gegeben. Natürlich sei es ihm nicht leichtgefallen, so ein Kapitel wie „Kolumbusfalter“ zu schreiben oder über den skrupellosen Moderator einer Hurentestsendung im Radio. Aber aus Feinsinnigkeit oder Diskretion Dinge auszusparen wäre ihm feige vorgekommen. Und feige schreibt Meyer nicht. Für dieses Feuilleton zum Beispiel hat er in letzter Zeit über den neuen Roman von Dan Brown, über Schachboxen und den sterbenden Fußballclub FC Sachsen Leipzig geschrieben.

Der Anzugkörper und der Tintenkörper

Jetzt sitzt er da, in dieser blauen Bar, im Gespräch schaut er mal rechts, mal links in die Luft, nur ungern in die Augen. An einem Hemdsärmel lugt ein blauer Eidechsenschwanz hervor: Meyer ist am ganzen Körper tätowiert. „Ich bin komplett zu“, hat er einmal gesagt. Und dass er es herrlich findet, zum Beispiel Anzug zu tragen, niemand sieht etwas, und dann den Ärmel hochzukrempeln, um seinen bebilderten Körper zu zeigen. Meyers zwei Körper. Der Anzug-und der Tintenkörper.

Das ist auch das Besondere an seinem Schreiben: diese extreme, authentische Körperlichkeit, das scheinbar Unbehauene, Direkte, kombiniert mit einem großen literarischen Traditionsbewusstsein, einer großen Bewunderung älterer Autoren. Meyer ist ein Spurengänger, in seinem neuen Buch sind es vor allem die Spuren des 2007 gestorbenen Wolfgang Hilbig, in denen er geht. Hilbigs gewaltiger Tunnel- und Selbstbeobachtungsroman „Ich“ ist eine der Folien von „Im Stein“. In einem Nachwort zu „Ich“ hatte Meyer vor einem Jahr beschrieben, wie er in Berlin die Tunnel aufsuchte, von denen Hilbig schrieb, jene Tunnel, in die sich seine Zuhälter jetzt hineinflüchten. Und jener andere Tunnel, der immer noch gebaut wird, der City-Tunnel in Leipzig.

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