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Clemens J. Setz : Die geheime Lust der Stiefmütterchen

  • -Aktualisiert am

Autor oder Bot? Clemens J. Setz. Bild: Picture-Alliance

Klammeraffe laust Engel: Clemens J. Setz stellt sich in seinem neuen Werk vielen Fragen. Aber Halt! Ist es wirklich der Autor selbst, der hier antwortet – oder ein digitaler Abdruck seines Geistes?

          3 Min.

          Clemens J. Setz ist der Böhmermann unter den Autoren, und das ist nicht despektierlich gemeint, schließlich ist Böhmermann der Jorge Luis Borges unter den Moderatoren. Wer also sichergehen will, der begreift Setz, der das Spiel mit der Autorkategorie verwirrend oft um sich selbst zu winden versteht, als die Setzung einer Setzung, seine sich so wirklichkeitsvernarrt gebenden Bücher mithin als reine Fiktion. Aber auch damit entkommt man ihm nicht, denn allenthalben beißt man in diesen Texten auf etwas Widerständiges, auf Realitätskerne, die sich nicht restlos zu Poesie haben pürieren lassen wollen. Wer Setz liest, möchte ständig nachgooglen, und selbst dann glaubt man es noch nicht. Kann jemand über derart viele hochsymbolische Kuriosa stolpern? Solche Skepsis freilich tut der wichtigsten Dimension dieser lustvoll alle traditionellen Sinnstiftungen dekonstruierenden Prosa keinen Abbruch: ihrer Offenheit auf die Zukunft hin.

          Dass sich dieser Autor Roman für Roman am Düsteren, Drastischen und Manischen labt, was er freilich mit (österreichischem) Humor abschmeckt, das sollte man nicht als Seeleneruption eines Pessimisten lesen, sondern als ziemlich konsequent durchgezogenes Programm der Normalitätsaufweitung, der Grenzverschiebung unserer Erfahrungswelt in einen vielleicht digitalen, jedenfalls nicht mehr unmittelbar greifbaren Raum, der sich aber erzählerisch hochrechnen lässt. Es ist der Raum, in dem Roboter seltsam triebhaft von Menschen träumen und in dem wir uns, verhakt an einem Programmfehler (Glitch), als diesen Trauminhalt wiedererkennen. In diese Linie passt das neue kleine Buch perfekt, das vorgibt, in seiner Entstehung und formalen Anlage ohne den Autor auszukommen. Wer hier wen manipuliert, ist damit aber noch keineswegs klar.

          Wie ist das Leben als literarische Figur?

          Dem Vorwort zufolge wollte die Lektorin Angelika Klammer ein Interview mit Setz führen, das aber mangels Interessantheit der Antworten des interviewerprobten Autors (kokett, kokett) zu nichts geführt habe. In Anlehnung an das Projekt Phil – ein Roboternachbau von Philip K. Dick, der auf alle Fragen Antworten aus einer Dick-Datenbank gibt (existiert tatsächlich) – wurde das Interview stattdessen auf algorithmischer Basis geführt. Angelika Klammer also stellte ihre Fragen nicht Setz direkt, sondern seinen „Journalen“: „Diese Journale sind in einer elendslangen Worddatei gesammelt, die so etwas wie eine ausgelagerte Seele bildet.“

          „Bot – Gespräch ohne Autor“ von Clemens J. Setz, Suhrkamp Verlag, gebunden, 166 Seiten, 20 Euro.
          „Bot – Gespräch ohne Autor“ von Clemens J. Setz, Suhrkamp Verlag, gebunden, 166 Seiten, 20 Euro. : Bild: dpa

          Das muss man trotz des schönen Bilds von der ausgelagerten Seele nicht unbedingt ganz glauben, denn erstens erscheint die Idee doch leicht kümmerlich: Jede Volltextsuche in Datenbanken funktioniert so. Zudem ist das Spiel zwischen den Fragen und den kreativen, pointierten und perfekt durchgeformten Antworten einfach zu gelungen. Drittens sind auch die Fragen alles andere als nüchterne Interviewfragen: „Himmel, Ausflug, Rast, Bank...“ Oder: „Warum bleiben Geschichten von absurder Grausamkeit Tieren gegenüber so lang im Gedächtnis?“

          Die Antwortbausteine mögen durchaus den Notizbüchern des Autors entstammen. Wir hätten dann die gewitzte Version einer Kleinschriftenedition vor uns. Es handelt sich um Reiseaufzeichnungen, die sich zu kleinen Erzählungen auswachsen (in Japan „tempelt es gewaltig“), um zugespitzte Literaturhinweise („Die Selbstmord-Abschiedsnotiz von Neschdanov, einer Figur aus Turgenjews großem Roman ‚Now‘, lautet ‚Ich konnte mich nicht vereinfachen‘.“), um philosophische Miniaturen („Wie fühlte sich die Welt an, als es noch keine Zeitlupe gab?“), um Trouvaillen (Franz Gsellmanns Weltmaschine), Nostalgien (Verlust digitaler Intimität durch sichere Passwörter anstelle von poetischen wie „igelkathedrale1“) und Schreckgespinste: Demenzkranke einer Sammeleinrichtung, die in einem hellen Moment durchschauen, zum eigenen Schutz mit Pseudobushaltestellen hereingelegt zu werden, werden für verrückt erklärt.

          Nicht zuletzt haben wir einen Setzkasten der aparten Aperçus vor uns: „Bagger sind die besseren Dinosaurier“, „Stiefmütterchen sehen aus wie Günter Grass“, „Meisen werfen Handgranaten-Schatten“. Auch Poetologisches wird verhandelt, wobei sich die Aussage gern in den Fragen verbirgt: „Sie entwerfen oft Schlussbilder voll sanfter Schönheit, wenn die Kämpfe ausgetragen sind“; „Sie haben einen besonderen Sinn für Ungleichzeitigkeiten“; „Wie ist das Leben als literarische Figur?“ Es dürfte ganz angenehm sein, dieses Leben. Das gesamte „Journal“, soweit hier offengelegt, scheint jedenfalls von einer solchen verfasst worden zu sein. Sie zielt aus der Fiktion heraus auf das Echte, diese Figur. Für vorbildlich hält der Autor das Video einer Autorin, die ihre erotische Geschichte vorliest und dazu masturbiert (der Link ist angegeben): Es „sollte auf Schreibschulen gezeigt werden“. Gegen solche Authentizität kommt kein Rasierklingenstirnritzen an.

          In ihrer Gesamtheit fügen sich die Fragmente tatsächlich zu einem Psychogramm. Und was sich dabei in zittrigen Konturen abzeichnet, das ist nicht allein das literarische Wunderkind Setz (das auch) oder der nahe am Wahnsinn gebaute Dionysiker (die Marke Setz), sondern ein tief romantischer Geist, der sich angesichts der Paketwaagen-Anzeige, die zwischen 0,00 kg und -0,002 kg hin und her springt, „natürlich den unsichtbaren Engel vorstellt, der mit seinem negativen Gewicht vor uns auf der Wiegefläche hüpft“. „Natürlich“, das ist hier das entscheidende Wort. Er kann gar nicht anders, dieser Autor, als die Realität mit negativem Gewicht zu beschweren, also ins Luftige, Engelhafte zu zerstäuben.

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