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Gesellschaftliche Normen : Demokratie lebt nicht vom großen Zusammenhalt

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Normensetzung: Wenn Kanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Sigmar Gabriel im Bundestag abstimmen, geht es im engen wie im weiteren Sinne, um „die Affirmation der Verwirklichung einer Möglichkeit“, von der Christoph Möllers schreibt. Bild: Hans Christian Plambeck/laif

Christoph Möllers, gerade mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet, stellt in seinem neuen Buch eine Grundfrage: Was ist eine Norm? Möllers’ Pointe: Die Norm dient nicht der Steuerung, sondern der Bezeichnung eines alternativen Weltzustands.

          Kant sah die Probleme der praktischen Philosophie noch in der Frage „Was soll ich tun?“ zusammenlaufen. Der Kampf um ihre Beantwortung ist allerdings seit geraumer Zeit in der Tristesse des Stellungskriegs erstarrt. Die streitenden Parteien - Kantianer auf der einen, Konsequentialisten auf der anderen Seite, dazwischen noch einige versprengte Trupps von Aristotelikern und Hegelianern - haben sich im schweren Boden ihrer Gewissheiten eingegraben. Von Zeit zu Zeit überziehen sie den Gegner mit einem publizistischen Sperrfeuer, bisweilen erobern sie einen Graben in Gestalt eines Lehrstuhls oder eines Gremiensitzes, aber entscheidende Durchbrüche an der Wahrheitsfront sind nicht zu erwarten.

          Der frischgebackene Leibniz-Preisträger Christoph Möllers wählt für sein Opus magnum „Die Möglichkeit der Normen“ denn auch einen anderen, weniger stark vorbelasteten Ausgangspunkt. Statt sich an dem Problem abzuarbeiten, wie eine Norm sein sollte, widmet er sich der systematisch vorgelagerten Frage, was eine Norm ist. Als Jurist ist Möllers besonders an sozialen Normen interessiert, an Normen also, die nicht lediglich im Inneren der einzelnen moralischen Subjekte ihr Werk tun, sondern deren äußeres, gesellschaftlich wahrnehmbares und bewertbares Verhalten betreffen.

          Was ist eine Norm?

          Möllers’ Ziel besteht darin, „einen begrifflichen Rahmen für soziale Normen zu entwickeln, der hinreichend weit für unterschiedlichste Phänomene ist, ohne konturenlos zu werden“. Diesen Rahmen findet Möllers in einem Normbegriff, der auf den ersten Blick so unscheinbar wirkt, dass der Leser sich angstvoll fragt, wie sich mit seiner Erläuterung vierhundertfünfzig Seiten sollen füllen lassen. Wer sich davon nicht Bange machen lässt, wird allerdings auf das angenehmste enttäuscht. Möllers brennt ein solches Feuerwerk an Analysen und Thesen ab, dass die Lektüre seines Buches streckenweise einem intellektuellen Abenteuerurlaub gleicht.

          Eine Norm ist, wie Möllers herausarbeitet, „die Affirmation der Verwirklichung einer Möglichkeit“. Sie lässt sich weder auf den Status eines Instruments zur Erreichung bestimmter sozialer oder politischer Zwecke noch auf den eines von jeder sozialen Verkörperung unabhängigen guten Grundes reduzieren. Ginge es nur um möglichst effiziente Zweckerreichung, so wäre es besser, eine den Ausschluss alternativer Verhaltensmöglichkeiten bezweckende kausalistische Strategie zu verfolgen, statt das Risiko einzugehen, Normen zu setzen, die bekanntlich nicht nur befolgt, sondern auch gebrochen werden können. Wäre die Rolle von Normen umgekehrt nur diejenige guter Gründe, so würde dadurch die Funktionsweise realer sozialer Praktiken verzerrt, deren Normen „einen Ort, eine Zeit, eine Darstellungsform“ im gesellschaftlichen Raum benötigen und deren Legitimationsansprüche in spezifischer Weise begrenzt sind.

          So geht es, wie Möllers gegen Habermas geltend macht, im Rahmen juridischer Verfahren nicht nur darum, gute Gründe zum Zug kommen zu lassen, sondern auch darum, den Kreis der entscheidungsrelevanten guten Gründe sachlich und zeitlich zu beschränken.

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