https://www.faz.net/-gqz-6y7wk

Christian Krachts „Imperium“ : Finden Sie die Unterschiede?

Das Schlussbild aus Frank Le Galls Comic „Das Schicksal der Maria Verita“ (1989) Bild: Dupuis verlag

Gegen Christian Krachts Roman „Imperium“ werden allerhand Vorwürfe erhoben. Dabei nimmt er nur seinen Titel ernst und ist auf Eroberungszüge aus - zum Besten der Leser.

          3 Min.

          Heute Abend wird in Zürich von seinem Autor ein Roman vorgestellt, der seit seinem Erscheinen vor vier Wochen für Erregung sorgt. Gegen „Imperium“ von Christian Kracht wurde im „Spiegel“ Faschismusverdacht erhoben, was ebenso lautstark von zahlreichen Schriftstellerkollegen und Kritikern zurückgewiesen worden ist. Dennoch sagte der sensible Autor seine ersten Lesetermine in Deutschland ab. In der heimatlichen Schweiz traut er sich jetzt erstmals aus der Deckung. Doch pünktlich zu diesem Termin wird das Sperrfeuer wieder eröffnet, nur diesmal aus anderer Richtung.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das Imperium, das der Titel von Krachts Roman benennt, ist nicht nur die deutsche Kolonialverwaltung auf dem Bismarck-Archipel, nicht nur das neue Ernährungssystem des „Kokovorismus“ (Kokosnussessens), das Krachts zentrale Figur August Engelhardt in der Südsee etablieren möchte, nicht nur die Konkurrenz der Weltreiche, die am Schluss des Romans im Ersten Weltkrieg gipfelt - es ist auch und vor allem das Imperium des Autors selbst: das Buch als sein Herrschaftsgebiet, wo er über Zeiten, Zeichen und Zitate gebietet wie ein absoluter Herr.

          Eine Liste mit Parallelstellen

          Nun gilt diese Allgewalt gegenüber dem eigenen Text für jeden Schriftsteller, und wie es der Zufall wollte, hat fast genau ein Jahr vor Kracht ein anderer deutschsprachiger Autor ebenfalls einen Roman über den historischen Lebensreformer Engelhardt (1875 bis 1919) und dessen geplatzten Südseetraum veröffentlicht. Marc Buhl hat sein Buch „Das Paradies des August Engelhardt“ genannt, sich dann nicht schlecht gewundert, dass dieser Sonderling so rasch einen weiteren schreibenden Liebhaber fand, und schließlich sehr genau Krachts „Imperium“ gelesen. Über das Ergebnis dieser Lektüre gab Buhl jetzt dem Nachrichtenmagazin „Focus“ Auskunft: Er spricht von „Übernahmen“, aber seit Hegemann und Guttenberg hört man natürlich „Plagiat“. Rechtliche Schritte will Buhl nicht ergreifen, doch er hat eine Liste mit Parallelstellen erarbeitet, die dieser Zeitung vorliegt. Zehn kurze Passagen werden darin aus beiden Romanen verglichen, und Buhl teilt mit, dass es noch mehr auffällige Ähnlichkeiten gebe.

          Wie sehen die Übernahmen aus? Identische Formulierungen aus Buhls Buch finden sich nicht in Krachts Text, es gibt aber inhaltliche Parallelen, die nicht auf die biographischen Quellen zu Engelhardts Leben zurückgehen. Zum Beispiel den Fall eines Hochzeitsrituals auf der Insel Kabakon, das beide Bücher schildern: Eine Kokosnuss wird geöffnet und ihre Milch über das Brautpaar gegossen. Buhl betont, dass es diese Sitte in der Region gar nicht gebe, also muss Kracht sich hier vom anderen Roman inspiriert haben lassen.

          Weitere Themen

          Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

          In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

          David Guetta macht Kasse

          Rechte an Musikaufnahmen : David Guetta macht Kasse

          Der Star-DJ folgt dem Beispiel diverser prominenter Musiker von Bob Dylan über Imagine Dragons bis Stevie Nicks. Doch sein Deal mit Warner Music unterscheidet sich von denen der meisten anderen.

          Topmeldungen

          Hessens Innenminister Peter Beuth und SEK-Beamte im Jahr 2017

          Polizeiskandal in Hessen : Muckibude von Rechtsextremen

          Der Skandal um rechtsextreme Chats bei der Polizei wird immer größer. Im Zentrum steht ausgerechnet das SEK. Wer dessen Räume betrat, sollte staunen. Ein Fall von übersteigertem Elitebewusstsein?
          Rechtfertigt sich in einem Interviewbuch: der 91 Jahre alte frühere katalanische Regierungschef Jordi Pujol

          Katalanischer Politiker Pujol : Bereichert wie die amerikanische Mafia

          Jahrelang soll sein Sohn Taschen voller 500-Euro-Scheine nach Andorra gebracht haben. Jetzt kommen der frühere katalanische Regionalpräsident Jordi Pujol und seine Familie wegen Korruptionsverdachts vor Gericht.

          UEFA-Präsident : Čeferin ist ein Hai unter Haien

          Die EM, bei der die UEFA mindestens fragwürdige Entscheidungen trifft, zeigt, welche Allianzen ihr Präsident schmiedet, um im Spiel zu bleiben. Aleksander Čeferin ist ein wehrhafter Geschäftsmann.

          Cyberkrieg : Die digitale Atombombe entschärfen

          Als die Präsidenten Biden und Putin sich gerade trafen, ging es auch darum, Krieg im Internet zu verhindern. Daran muss selbst China liegen. Was tut die EU? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.