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Christa Wolfs Tagebuch : Abschwellender Lobgesang

Die sechste Reise: Christa Wolf 1970 mit ihren Töchtern. Bild: Privatarchiv Gerhard Wolf

Das Moskauer Tagebuch von Christa Wolf besticht durch die Klarsicht einer belehrbaren Zweiflerin. Sie hat immer wieder die Sowjetunion besucht. Zuletzt hörte sie dort: „Wir haben Glasnost, aber nichts zu essen.“

          Wer wir sind und wer wir waren: Der poetisch-philosophische Untertitel der „Moskauer Tagebücher“ ist die Klammer, die kürzeste Zusammenfassung dieser Auswahl von Notizen und Dokumenten über Christa Wolfs Reisen in die Sowjetunion. Zehnmal ist sie zwischen 1957 und 1989 dorthin gefahren, oft gemeinsam mit ihrem Ehemann. Sie schrieb dabei ein sehr persönliches Tagebuch, das Gerhard Wolf jetzt herausgegeben hat. Er hat die ausführlichen und zuweilen erstaunlich knappen Aufzeichnungen der Schriftstellerin sorgfältig ediert und kommentiert und ihnen, wenn sie diese Erinnerungen doch in ihr literarisches Werk integriert hat, kurze Auszüge daraus beigefügt.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Der zehnten und letzten Reise, im Oktober 1989, folgt ein „Memorial“, darin Briefe an und von den engsten russischen Freunden: Efim Etkind, dem Achmatowa-Herausgeber, und Lew Kopelew. Das ist ein aufregender Epilog zu dieser ungewöhnlichen Zeitreise über die „multiplen Wesen in uns“. Essays und Laudationes ergänzen die Notate, die gemeinsam mit dem Memorial für uns, die Leser in unruhiger Zeit, auch ein deutsch-russisches Verhältnis der besonderen, wohl einzig möglichen, weil ehrlichen Art entfalten. Es beruht nicht auf den heutzutage gern benutzten folkloristisch bis nationalistisch gefärbten Floskeln vom angeblich schon immer besonderen Wesen des Verhältnisses der Deutschen zu den Russen. Es beruht vielmehr auf der Ambivalenz von Realität und Hoffnung, der schockierenden Erkenntnis vom frühen Scheitern einer Idee, die Menschen zerbrach und vernichtete, wenig Glück zuließ und im Zusammenbruch endete. Auch weil sie schließlich nicht einmal mehr satt machte im Alltag, was Christa Wolf nebenher diskret, aber unüberhörbar beobachtete.

          Eine lückenlose Ausstellung des Lebens

          Wir lernen eine Christa Wolf kennen, die unbestechlich sieht, was ist und, vor allem, was nicht ist, und doch anfangs glauben will, dass sich das Gute, Wahrhaftige und Neue schon noch entwickeln werden. Die Tagebücher erzählen Reise um Reise von zunehmender Ernüchterung und immer wieder aufkeimender Hoffnung, bis es keine mehr gibt. Bis die Freunde tot, vertrieben, angepasst desillusioniert oder ausgebürgert sind, die DDR zusammenbricht und der unvergleichlich größere Untergang der Sowjetunion sich deutlich und gewalttätig ankündigt.

          In einem Brief an Efim Etkind bekennt Christa Wolf zu Wahrheit und Moral später: „Ich muss mich fragen, wie viele Moralen ich eigentlich in meinem Leben schon in mich aufgenommen, zum Teil ,verinnerlicht‘ habe, warum es jeweils so lange dauerte und so konfliktreich war, mich von ihnen zu trennen. ... Ich bin auch einigermaßen erschüttert darüber, was ich zuverlässig verdrängt habe.“ In diesem Brief aus dem Jahr 1992 erzählt sie dem Freund unter anderem auch, wie sie gemeinsam mit ihrem Mann seit Wochen in Berlin-Lichtenberg in der einstigen Stasi-Zentrale sitzt - „monströse kafkaeske Gebäude-Areale“ - und die 43 Bände Akten liest, die der Geheimdienst über ihr Leben zusammengetragen hat: wie die Stasi noch in jeder Ecke ihrer Wohnung schnüffelte, in die sie jede Menge Spitzel einschleuste, weil die Wolfs mindestens zwanzig Jahre lang „staatsfeindlicher“ und „politischer Untergrundtätigkeit“ verdächtigt wurden. Sie habe sich, schreibt Christa Wolf, wenn sie rauskam aus dem Archiv, „so ausgehöhlt“ gefühlt und sinnlos einkaufen oder Torte essen müssen. Ein „Syndrom, das ich von mir kenne, wenn ich von irgendeiner Audienz bei einem unserer Großkopfeten kam, denen ich irgendein Zugeständnis für jemanden hatte abringen wollen“. Doch immerhin, notiert sie spöttisch, hätten die Wolfs danach „eine ziemlich lückenlose Aufstellung“ ihres Lebens gehabt.

          Die Maske moderner Heuchelei

          Dem längst im Exil lebenden Freund Etkind konnte sie zudem einen Bericht des KGB an die Stasi und umgekehrt, von der Stasi an den KGB, über ihn anbieten. Die Geheimen hatten den Wolfs 1970 einen jungen Physiker (Deckname „Timur“!) geschickt, der sie sehr erfolgreich über den verfolgten jüdischen Intellektuellen auszufragen versteht.

          Christa Wolf schreibt zunehmend ungeduldiger über Szenen der Mitleidlosigkeit im öffentlichen Raum, die sie erlebt, über nervende Apparatschiks und peinliche Kollegen. Sie vergleicht die russische Angepasstheit mit der zu Hause, sinnt nach über die Maske moderner Heuchelei hier und da und begreift beim Schreiben, welch hohen Preis vor allem jene Sowjetgeneration zahlen musste, die Terror und Krieg und wieder Terror und Ärmlichkeit erlebte und doch auf ein besseres Leben hoffte, um dann in einem engen Zimmer einer Gemeinschaftswohnung zu landen. Das hielten selbst Engel nicht aus, weiß Christa Wolf.

          Festhalten, was sich schon erledigt hat

          Anders als Max Frisch, schreibt Gerhard Wolf, habe Christa Wolf ihre Tagebuchprosa nicht als eigenes Genre aufgefasst, allenfalls als Material. Wolf und Frisch begegneten sich zum ersten Mal 1968 auf einem Wolga-Schiff und diskutierten die ganze Nacht. Christa Wolf notierte zum Schluss: „Viel getrunken an dem Abend, am nächsten Morgen ist mir sehr schlecht. Frisch fragt: Grüßen wir uns eigentlich noch?“

          Ähnlich, doch aus sehr anderen Gründen, fragt sie am letzten Abend ihrer letzten Moskau-Reise der Politbürokrat Kurt Hager, der die Schriftstellerin Mitte Oktober 1989 auf einem obskuren Weltuntergangsempfang der DDR-Botschaft entdeckt hat. Wenige Tage zuvor hatte man Wolfs Tochter und den Schwiegersohn zusammengeschlagen und verhaftet, an der Berliner Gethsemanekirche. In Moskau begrüßt Hager sie mit der Frage: „Muß ich jetzt ,Sie‘ zu dir sagen?“ Christa Wolf: „Noch nicht.“ Hager schwadroniert und bedauert, dass sie in den letzten Jahren so wenig geredet hätten. Er wisse auch nicht, wie das komme, was Christa Wolf mit vielen in Klammern gesetzten spöttischen Ausrufezeichen kommentiert. Später jedoch sagt sie zum ungarischen Kulturattaché: „Aber ihr Ungarn habt Schuld an unseren Problemen, indem ihr die Grenze geöffnet habt.“ Das ist kein Spott, das ist die bitterernste Zweiflerin Christa Wolf, die nicht akzeptieren kann und festhalten will, was sich schon erledigt hat.

          An die Stelle von Klarsicht tritt Abschiedsschmerz

          Die Tage vorher war sie bei inzwischen sehr skeptischen Moskauer Freunden, und alles, was sie über diese Gespräche und über die noch einmal gesteigerten Alltagskatastrophen notiert, kündet vom nahen Zusammenbruch, den sie sich nicht vorstellen kann und will. Man erzählt ihr, dass es nun „nichts“ mehr zu kaufen gebe, die Alten sich schon vor der nächsten Hungersnot fürchten und die Jüngeren vor einem Bürgerkrieg, wofür sie schockierende Indizien beibringen. Ihre Freundin Irina sieht die Sowjetunion in einem Zustand wie die Weimarer Republik an deren Ende und berichtet von unverhohlenem Judenhass. Ein Freund fragt sie, was die Leute in der DDR eigentlich wollten. „Glasnost!“, antwortet Christa Wolf. Er: „Wir haben Glasnost, aber nichts zu essen. Also tauschen wir doch.“

          Dann der Abschied von Moskau, für immer. In ihrem autobiographischen Roman „Stadt der Engel“ hat dieser Abschied, nun Literatur, nichts mehr von der schonungslosen Klarsicht ihrer Tagebuch-Notate von 1989, sondern ist zu einem großen Abschiedsschmerz transformiert, der in den Satz mündet: „Wir haben dieses Land geliebt.“

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