https://www.faz.net/-gqz-7wkr3

Christa Wolfs Tagebuch : Abschwellender Lobgesang

Die Maske moderner Heuchelei

Dem längst im Exil lebenden Freund Etkind konnte sie zudem einen Bericht des KGB an die Stasi und umgekehrt, von der Stasi an den KGB, über ihn anbieten. Die Geheimen hatten den Wolfs 1970 einen jungen Physiker (Deckname „Timur“!) geschickt, der sie sehr erfolgreich über den verfolgten jüdischen Intellektuellen auszufragen versteht.

Christa Wolf schreibt zunehmend ungeduldiger über Szenen der Mitleidlosigkeit im öffentlichen Raum, die sie erlebt, über nervende Apparatschiks und peinliche Kollegen. Sie vergleicht die russische Angepasstheit mit der zu Hause, sinnt nach über die Maske moderner Heuchelei hier und da und begreift beim Schreiben, welch hohen Preis vor allem jene Sowjetgeneration zahlen musste, die Terror und Krieg und wieder Terror und Ärmlichkeit erlebte und doch auf ein besseres Leben hoffte, um dann in einem engen Zimmer einer Gemeinschaftswohnung zu landen. Das hielten selbst Engel nicht aus, weiß Christa Wolf.

Festhalten, was sich schon erledigt hat

Anders als Max Frisch, schreibt Gerhard Wolf, habe Christa Wolf ihre Tagebuchprosa nicht als eigenes Genre aufgefasst, allenfalls als Material. Wolf und Frisch begegneten sich zum ersten Mal 1968 auf einem Wolga-Schiff und diskutierten die ganze Nacht. Christa Wolf notierte zum Schluss: „Viel getrunken an dem Abend, am nächsten Morgen ist mir sehr schlecht. Frisch fragt: Grüßen wir uns eigentlich noch?“

Ähnlich, doch aus sehr anderen Gründen, fragt sie am letzten Abend ihrer letzten Moskau-Reise der Politbürokrat Kurt Hager, der die Schriftstellerin Mitte Oktober 1989 auf einem obskuren Weltuntergangsempfang der DDR-Botschaft entdeckt hat. Wenige Tage zuvor hatte man Wolfs Tochter und den Schwiegersohn zusammengeschlagen und verhaftet, an der Berliner Gethsemanekirche. In Moskau begrüßt Hager sie mit der Frage: „Muß ich jetzt ,Sie‘ zu dir sagen?“ Christa Wolf: „Noch nicht.“ Hager schwadroniert und bedauert, dass sie in den letzten Jahren so wenig geredet hätten. Er wisse auch nicht, wie das komme, was Christa Wolf mit vielen in Klammern gesetzten spöttischen Ausrufezeichen kommentiert. Später jedoch sagt sie zum ungarischen Kulturattaché: „Aber ihr Ungarn habt Schuld an unseren Problemen, indem ihr die Grenze geöffnet habt.“ Das ist kein Spott, das ist die bitterernste Zweiflerin Christa Wolf, die nicht akzeptieren kann und festhalten will, was sich schon erledigt hat.

An die Stelle von Klarsicht tritt Abschiedsschmerz

Die Tage vorher war sie bei inzwischen sehr skeptischen Moskauer Freunden, und alles, was sie über diese Gespräche und über die noch einmal gesteigerten Alltagskatastrophen notiert, kündet vom nahen Zusammenbruch, den sie sich nicht vorstellen kann und will. Man erzählt ihr, dass es nun „nichts“ mehr zu kaufen gebe, die Alten sich schon vor der nächsten Hungersnot fürchten und die Jüngeren vor einem Bürgerkrieg, wofür sie schockierende Indizien beibringen. Ihre Freundin Irina sieht die Sowjetunion in einem Zustand wie die Weimarer Republik an deren Ende und berichtet von unverhohlenem Judenhass. Ein Freund fragt sie, was die Leute in der DDR eigentlich wollten. „Glasnost!“, antwortet Christa Wolf. Er: „Wir haben Glasnost, aber nichts zu essen. Also tauschen wir doch.“

Dann der Abschied von Moskau, für immer. In ihrem autobiographischen Roman „Stadt der Engel“ hat dieser Abschied, nun Literatur, nichts mehr von der schonungslosen Klarsicht ihrer Tagebuch-Notate von 1989, sondern ist zu einem großen Abschiedsschmerz transformiert, der in den Satz mündet: „Wir haben dieses Land geliebt.“

Weitere Themen

„Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.