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Fiktion oder Fakten? : Ein Buch gegen alle Literaturdebatten

Die amerikanische Schriftstellerin und Künstlerin Chris Kraus in Los Angeles Bild: Christian Werner

Chris Kraus’ Roman „I Love Dick“ erschien zum ersten Mal 1997. Aber erst in den letzten Jahren wurde er in Amerika zum Kultbuch. Jetzt gibt es eine deutsche Übersetzung.

          6 Min.

          Neulich wurde wieder der Versuch unternommen, eine dieser Grundsatzdiskussionen zu führen, mit denen sich die Literaturkritik ihrer eigenen Wichtigkeit versichert. Unter dem Titel „Warum mich Romane heute nur noch langweilen“ behauptete ein Kollege in der „Welt“, die „radikalen Ich-Texte“ von Karl Ove Knausgård, Benjamin von Stuckrad-Barre und Thomas Melle seien „mutiger als Romane“. Er hielt sie sogar für wahrhaftiger, weil sie gesättigt seien vom Leben. Beim Lesen des Textes hatte man ehrlich gesagt den Eindruck, dass der Autor ziemlich verzweifelt nach einem Thema gesucht hatte, über das er schreiben könnte, und dann wahrscheinlich festgestellt hatte, in letzter Zeit viele Ich-Bücher und Memoirs, aber schon lange keine Romane mehr gelesen zu haben, die er dann beschloss, doof zu finden. Mehr stand wirklich nicht drin im Text.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Trotzdem gab es Widerspruch. Dass in den Ich-Büchern die Authentizität auch nur ein Effekt sei, also selbst eine Fiktion, schrieb mein Kollege in der F.A.Z., was ein absolut berechtigter Einwand war, dem Literaturblog „tell“ aber offenbar zu unzeitgemäß und unaufgeregt. Auf „tell“ wurde die Befindlichkeit des „Welt“-Autors auf abenteuerliche Weise in eine „momentane ,J’accuse‘-Stimmung gegenüber der Fiktion“ ausgeweitet und umgedeutet, die den „absurden Vorwurf“ erhebe, „Romane seien postfaktisch“. Der gegenwärtige „Abgesang auf die Fiktion“ – konnte man auf „tell“ lesen – sei „daher vor allem eins: ein so verwegener wie naiver Abwehrzauber gegen die sogenannten Fake News“. Das klang extrem brisant. Der „tell“-Autor kam sich bestimmt sehr toll vor, die Scheindebatte mit besonders aktuellen und dann auch noch politischen Begriffen aufgepimpt zu haben. Leider ohne jeden Erkenntnisgewinn.

          Das ist der Spaß an der ganzen Sache

          Und so ist das dann meistens mit diesen pseudoliteraturkritischen Debatten. Es kommt, besonders wo es um Fakten und Fiktion geht, um Ich-Texte, die offen autobiographisch daherkommen, oder Texte, die das Autobiographische aufwendig verschleiern, am Ende überhaupt nichts heraus, was Anlass dazu gäbe, die einen den anderen vorzuziehen. Es lässt sich ohne weiteres nichts verallgemeinern oder zu Tendenzen verklären, weil jeder Text und jedes Buch seine ganz eigene Aufmerksamkeit fordert. Das ist ja gerade die Mühe, die man sich machen muss, und übrigens auch der Spaß an der ganzen Sache.

          In genau dem Augenblick, in dem man ein neues Buch aufschlägt, verwickeln einen die Stimmen, die darin erzählen, aufs Neue in ein Spiel, in dem Erlebtes wie erfunden erscheinen oder Erfundenes völlig wahrscheinlich anmuten kann (oder Echtes wie echt und Erfundenes wie total erfunden). Jeder Einzelne kann dann entscheiden, ob er dem folgen will, kann sehen, was es mit ihm macht und ob es ihm etwas sagt, was über die erzählte Geschichte hinausweist.

          Also schlage ich lieber wieder ein neues Buch auf. Eines, von dem schon viel zu hören war, in welchem angeblich alles autobiographisch sein soll, die Wirklichkeit sich aber in eine abgedrehte Fiktion verwandelt, die auf die Wirklichkeit dann wieder zurückwirkt. Es geht um „I Love Dick“ von der 1955 in New York geborenen Schriftstellerin und Filmemacherin Chris Kraus, ein Buch, das sich zwischen Memoir, Autofiktion und Roman bewegt. Zum ersten Mal ist es 1997 erschienen, in dem kleinen unabhängigen Verlag Semiotext(e) von Sylvère Lotringer, den Chris Kraus später heiratete (und der uns im Roman gleich wieder begegnen wird). Lotringer, der, wie der Schriftsteller Georges Perec, während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich zu den versteckten jüdischen Kindern gehörte, war in den siebziger Jahren in die Vereinigten Staaten gegangen und hatte in der New Yorker Kunst- und Literaturszene die Werke der französischen Theorie bekanntgemacht, Deleuze, Foucault, Virilio. Den Verlag gibt es bis heute.

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