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Fiktion oder Fakten? : Ein Buch gegen alle Literaturdebatten

Sylvère ist ein europäischer Intellektueller, der Seminare zu Proust gibt und in der Analyse all der zahllosen winzigen Einzelheiten der Liebe sehr bewandert ist. Doch wie lange kann man einen einzigen Abend und einen dreiminütigen Anruf auseinandernehmen? Also beschließt Chris, Dick einen Brief zu schreiben, und fragt Sylvère, der ihr zuliebe einwilligt, ob er nicht auch einen schreiben wolle. Seitenlang können wir diese Briefe verfolgen, denn „I Love Dick“ verwandelt sich in eine Art doppelten Briefroman, in dem der Adressat stumm bleibt, sein Schweigen die Phantasie aber nur noch mehr anpeitscht und das Paar, Sylvère und Chris, auseinandertreibt.

Was für eine Hetzjagd!

„Es muss der Wüstenwind sein, der uns in jener Nacht zu Kopf gestiegen ist, vielleicht auch der Wunsch, das Leben ein wenig zu fiktionalisieren“, heißt es an einer Stelle. Und tatsächlich ist „I Love Dick“ ein Roman, der reflektiert, was passieren kann, wenn die Fiktionalisierungsmaschine einmal angeworfen ist. Ein Roman, der von den Ungeheuerlichkeiten erzählt, die mit der Produktion von Literatur verbunden sind. Dazu gehört zum einen die komische Wut darüber, jemanden nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen („Lieber Dick, warum hast du uns das angetan? Kannst du uns nicht in Ruhe lassen?“). Zum anderen natürlich das Stalking-Moment, die Gier, den anderen zu verfolgen („Haben wir irgendein Recht dazu, Dir unsere Fantasien aufzudrängen? Was für eine Hetzjagd!“).

Chris Kraus hat in Interviews offen darüber gesprochen, wie autobiographisch „I Love Dick“ ist (und dass derjenige, der sich in Dick wiedererkannt hat, nichts mit dem Buch zu tun haben wollte). Das Autobiographische schließt in diesem Fall – tatsächlich ja aber nicht nur in diesem – auch das Schreiben selbst mit ein, weil Sylvère und Chris wirklich da saßen und Briefe schrieben, mit denen sie ein völlig neues Genre zu erfinden meinten, „irgendwo zwischen Kulturkritik und Belletristik“. Wie in der Literatur beides einander bedingt, wie die Fiktion sich ins Echte verwandelt, davon erzählt dieser wunderbar abgedrehte, komische und theoretisch bis zum Anschlag gesättigte Roman: „Wie konnte ich dir nur begreiflich machen, dass meine Briefe an dich das Echteste waren, was ich je getan hatte?“, heißt es an einer Stelle. Und da erübrigen sich alle Debatten.

Chris wird, nach der Trennung von Sylvère, Dick treffen. Sie wird auch eine Antwort von ihm erhalten. Über beides soll hier nichts gesagt werden. In ihren Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, in der unablässigen Beschäftigung mit der Person, für die sie Dick hält und in der sie überall Verweise auf das findet, was sie gelesen oder in Filmen gesehen hat, findet Chris im Verlauf des Romans eine ganz eigene sichere Stimme. Auch davon erzählt „I Love Dick“. Von der verführerischen Hölle der Fiktion, durch die Chris gehen muss, um zu dem zu finden, was sie selbst ist. „Sie rang nach Luft, stieg aus dem Taxi und zeigte ihren Film“, lautet der letzte Satz des Romans. Der Film gehört endlich nur ihr.

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