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Fiktion oder Fakten? : Ein Buch gegen alle Literaturdebatten

Lena Dunham liebt diesen Humor

Von „I Love Dick“ verkaufte er pro Jahr nicht einmal hundert Exemplare. 2006 wurde das Buch wieder aufgelegt und erst in den letzten Jahren von jungen amerikanischen Autorinnen neu entdeckt, die völlig außer sich waren über das, was sie da lasen. „Ich weiß, dass es eine Zeit gab, bevor ich ,I Love Dick‘ gelesen habe, aber es ist schwer, sich das vorzustellen“, schrieb die Schriftstellerin Sheila Heti, die im „Believer“ ein langes Interview mit Chris Kraus führte. Lena Dunham empfahl es weiter oder Rachel Kushner. Sie alle erlagen dabei vor allem dem Humor, der, als das Buch in den neunziger Jahren erschien, von Leserinnen und Lesern überhaupt nicht wahrgenommen worden war. Im Gegenteil hatten viele beklagt, dass die Frau im Roman vom Selbsthass zerfressen sei, sich unablässig selbst herabsetze. Auf die Idee, dass das lustig sein könnte, kam, als die Selbstherabsetzungsnummer in Sachen Humor eher noch den Männern vorbehalten war, niemand. Inzwischen ist das anders. Ab Mitte Februar wird es sogar eine „I Love Dick“-Amazon-Serie geben. Und jetzt schon gibt es den Roman erstmals auch auf Deutsch.

Bald auch eine Amazon-Serie: Kathryn Hahn und Kevin Bacon im Pilotfilm von „I love Dick“.
Bald auch eine Amazon-Serie: Kathryn Hahn und Kevin Bacon im Pilotfilm von „I love Dick“. : Bild: AP

Es beginnt am 3. Dezember 1994. Chris Kraus, experimentelle Filmemacherin, 39 Jahre alt, und Sylvère Lotringer, College-Professor in New York, 56 Jahre alt, essen gemeinsam mit Dick (ohne Nachnamen), einem Bekannten von Sylvère, in einer Sushi-Bar in Pasadena zu Abend. Während des Essens besprechen die Männer die jüngsten Entwicklungen postmoderner Theorie, und Chris, „die keine Intellektuelle ist“, wie es der Roman ironisch will, bemerkt, dass Dick ihr wiederholt Blicke zuwirft. Im Radio wird für den San-Bernadino-Highway Schneefall angekündigt. Großzügig lädt Dick die beiden ein, die Nacht in seinem Haus in der Wüste des Antilope Valley zu verbringen, etwa 130 Kilometer entfernt. Sie willigen ein, fahren hin, verbringen den Rest des Abends bei Dick zu Hause. Chris erwidert benommen die Blicke des Gastgebers, der ihnen um zwei Uhr morgens ein Video vorspielt, das im Auftrag des englischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens entstanden ist und in dem er als Johnny Cash verkleidet auftritt. Schlechte Kunst, findet Chris, mache ihre Betrachter viel aktiver, sagt es nicht laut, träumt aber die ganze Nacht von Dick, der, als Sylvère und Chris am nächsten Morgen auf dem Schlafsofa aufwachen, verschwunden ist.

Das ist die Ausgangssituation, die die Projektionsmaschine in Gang wirft. Denn tatsächlich dreht Chris nach diesem Abend völlig durch und zieht Sylvère mit hinein in ihren Projektionswahn. Mit einem Mal geht es nur noch um Dick, der das zunächst natürlich gar nicht vermutet und auch gar nicht wissen kann. Weil Chris nicht aufhört, über den Abend mit Dick nachzudenken, schreibt sie zunächst eine Erzählung mit dem Titel „Abstrakte Romantik“: „Es begann im Restaurant“, schreibt sie. „Es war früher Abend, und wir lachten alle ein wenig zu viel.“ Während sie schreibt, klingelt das Telefon. Dick ruft an und will sein Verschwinden in der Nacht zuvor erklären. Er sei früh aufgestanden und losgefahren, um sich ein paar Eier mit Speck zu holen. Das Gespräch dauert drei Minuten, Chris legt auf und rennt die Treppe herunter, um Sylvère zu suchen.

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