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Chlodwig Poth : Der erste Bildsatiriker der Republik

Chlodwig Poth Bild: dpa

Binnen dreier Tage haben wir einen Gutteil der deutschen Hochkomik verloren. Denn gestern ist, zwei Tage nach Bernd Pfarr, auch Chlodwig Poth gestorben, ein Pionier, dessen Einfluß man oft genug unterschätzte.

          3 Min.

          Zum letztenmal bewegte er sich im großen Kreis seiner Freunde am Pfingstmontag, beim Geburtstag von Volker Reiche. Bernd Pfarr war da, der ihm nun zwei Tage in den Tod vorausgegangen ist. Denn gestern ist auch Chlodwig Poth gestorben. Binnen dreier Tage haben wir einen Gutteil der deutschen Hochkomik verloren.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Im pfingstmontäglichen Garten zeigte sich ein Sittenbild in mehrfacher Hinsicht, eines von denen, die Chlodwig Poth geliebt und unzählige Male in seiner unnachahmlichen Art der Wimmelbilder gezeichnet hat: das Porträt einer Klasse als Abbild einer Welt. In diesem Fall hatte sich die verschworene Gruppe der Frankfurter Humoristen und Künstler versammelt, die sich dennoch wie kaum in einer anderen Stadt den Werten des Bürgertums verpflichtet fühlt und dieses Erbe in einer Weise pflegt, die heute fast vergessen scheint.

          Chronist des Zwiespalts einer festgelegten Existenz

          Chlodwig Poth war der Nestor dieser Gruppe, auch wenn er ihr selbst am wenigsten anzugehören schien. Schon seine schlohweiße wilde Haarpracht, die am Ende der Behandlung einer schweren Krankheit zum Opfer gefallen war, hob ihn heraus: Hier zeigte sich ein Widerständiger. Und doch war er gemeinsam mit seiner Frau Anna das Herz der Frankfurter Humoristenszene - weil er als ihr Urvater gelten durfte. Er konnte mit gutem Gewissen immer sagen: Ich war schon da. Vor den Gründern der "Neuen Frankfurter Schule", denen er sich dann anschloß, war er bereits beim Satiremagazin "Pardon", das er selbst 1962 mit aus der Taufe gehoben hatte. Vor Robert Crumb machte er autobiographisch-ruppige Schwarzweiß-Comics. Vor der Welle der Reportagecomics der neunziger Jahre zeichnete er, unter anderem auch für diese Zeitung, seine Beobachtungen aus dem Frankfurter Stadtleben auf. Er war ein Pionier, dessen Einfluß man oft genug unterschätzte.

          Noch sein letztes Meisterwerk, die 1990 für die Satirezeitschrift "Titanic" begonnene Illustrationsreihe "Last Exit Sossenheim", pflegte bis zuletzt, bis zur aktuellen Juli-Ausgabe des Magazins, jenes Engagement, das sich schon in Poths berühmtester Cartoon-Serie, "Mein progressiver Alltag" aus den siebziger Jahren, gezeigt hatte. Mit scharfem Blick und noch schärferer Feder dokumentierte Poth die Zwiespältigkeit einer festgelegten Existenz: Im ersten Fall machte er sich autobiographisch über die eigenen Versuche lustig, die Werte der gesellschaftlichen Emanzipation gegen die Herausforderungen des Alltags zu behaupten, im letzteren verspottet Poth die trainingshosen- oder legginsumhüllten Kleinbürger und Proletarier in seinem Wohnort, dem Frankfurter Vorort Sossenheim. In beiden Fällen nahm er keine falschen Rücksichten; die Beobachtung ist um so schärfer, je näher man den Objekten steht.

          Sossenheim hat es ihm nicht gedankt

          Als Poth im vergangenen Jahr die Goetheplakette der Stadt Frankfurt erhielt, war das auch ein Friedensschluß mit der Stadt, die sich sein Auge und seine Feder oftmals gnadenlos unterjocht hatten - und die ihm im Gegenzug jahrzehntelang die Achtung für das grandiose Werk vorenthielt. Totum pro parte, denn Sossenheim hat Poth seine beispiellose Chronistenarbeit nicht mehr gedankt. Dabei werden wir in einigen Jahrzehnten aus den Blättern der "Sossenheim"-Folgen genauer wissen, wie eine Vorstadt um die Jahrtausendwende ausgesehen und vor allem belebt wurde, als aus allen Fotos, Filmen, Erinnerungen.

          Hier hatte Poth sich ein Heim geschaffen, das bei allem Ärger über die Umgebung, der noch das vor zwei Jahren erschienene Memoirenbuch "Aus dem Leben eines Taugewas" bisweilen bis zur Misanthropie prägt - die verklinkerten Fassaden, die verwechselbaren Kleinwagen, die Vorgärtentristesse! -, eine Zuflucht bot. Hier fand der 1930 in Wuppertal geborene Zeichner in den letzten Jahren, als sein Augenlicht nachließ und er nur noch mittels einer aufwendigen optischen Apparatur die subtilen Schraffuren seiner "Sossenheim"-Folgen anfertigen konnte, Halt. Er brauchte ihn mehr, als man glaubte, denn hinter Poths gelegentlicher Bitterkeit und seinem drastischen Wortwitz verbarg sich ein hochsensibler Künstler. Als seine ersten eigenen Werke nannte er Bilder, die er als Halbwüchsiger im Berliner Luftschutzbunker während der Bomberangriffe an die Wand gezeichnet hatte. Poths Kunst erlebte ihre Geburtsstunde in der Katastrophe.

          Auf der Höhe der Kunst siegte die Krankheit

          Das Mißtrauen gegenüber einem Land, das er in den fünfziger Jahren als reines Fassadenkunstwerk empfand, verließ ihn nie. Daß er sich die bis ins Feinste zerlegte Strichzeichnung zu eigen machte, ist die ästhetische Konsequenz daraus. Das ihm in den Mund gelegte Motto "Die endgültige Teilung Deutschlands - das ist unser Auftrag" ziert seit Jahren das Impressum der "Titanic", und tatsächlich hatten Poths Bilder nie etwas Versöhnlerisches oder gar Gefälliges. Er nahm auch nie Partei, denn er war seine eigene; Selbständigkeit in jeder Beziehung war die ihm gemäße Existenzform. Als er 1955 aus Ost-Berlin nach Frankfurt übersiedelte, mußte er sich jahrelang durch Werbejobs über Wasser halten, und trotzdem hat er nie das Dasein als freier Künstler aufgegeben. Als solcher erzeichnete und erschrieb er sich in "Pardon" seinen Ruf als erster Bildsatiriker der Republik.

          Er war wirklich und wahrhaftig ein "Taugewas", ein Tausendsassa. Romane hat Chlodwig Poth geschrieben, Satiren natürlich, auch Essays, doch sein ureigenes Metier blieb die Zeichnung. Am Ende seines Lebens, als die Krankheit ihn zu besiegen begann, war er auf der Höhe seiner Kunst. Trotzdem hat sich zuletzt kein Verleger mehr für "Last Exit Sossenheim" gefunden, für das böseste und genaueste Panoptikum des repressiven Alltags. Diese Präzision der Beobachtung hat in der Nachkriesgzeit keine Parallele. Wie wird, wie kann die "Titanic" des nächsten Monats aussehen, wenn auf vier Seiten die Werke der zwei großen Zeichner fehlen: die von Bernd Pfarr und die von Chlodwig Poth?

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