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Chinesische Reaktionen auf Friedenspreis : Respekt für den „Glatzkopf“ Liao Yiwu

Liao Yiwu Bild: dpa

Vorher kannte niemand unter den systemkritischen chinesischen Künstlern den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, doch die Verleihung an Liao Yiwu wird von allen begrüßt.

          Am selben Tag, als der Börsenverein des Deutschen Buchhandels den Schriftsteller Liao Yiwu in Berlin als neuen Friedenspreisträger bekanntgab, wurde dem Künstler Ai Weiwei in Peking mitgeteilt, dass er trotz seiner auslaufenden Kautionszeit weiterhin nicht außer Landes reisen darf. Eine aberwitzige Gleichzeitigkeit bei den beiden im Westen bekanntesten Opfern chinesischer Reiseverbote: Auch Liao Yiwu war ja, bevor er 2011 auf abenteuerlichen Wegen nach Berlin flüchtete, nicht weniger als siebzehnmal die Ausreise verwehrt worden. Beide Männer stuft das Regime wegen ihrer unbestechlichen Äußerungsbereitschaft offenbar als Sicherheitsrisiko für seine soft power im Ausland ein.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ansonsten gibt es viele Unterschiede zwischen den beiden. Ai Weiwei ist ein alle Register der Kunst und der Medien ziehender Anwalt für Transparenz und Verrechtlichung der chinesischen Gesellschaft, Liao Yiwu ein hochexpressiver Dichter und Dokumentarist der Unterschichten, zahlloser Ungerechtigkeiten und nicht zuletzt des eigenen Lebens.

          „Illegal“ und „lächerlich“ nannte Ai Weiwei bei einem gestrigen Telefonat den ihn betreffenden Bescheid der Behörde: „Die können das nicht einfach so sagen und noch nicht einmal ein Papier vorlegen.“ Er habe den Beamten erklärt, wenn sein neuerliches Ausreiseverbot rechtens sein solle, müssten sie Anklage gegen ihn erheben. Aber sie hätten nur etwas von weiteren Untersuchungen gesagt, etwa zur „Pornographie“, die Ai im Internet verbreitet haben soll. Ursprünglich war vor einem Jahr eine Kautionszeit gegen den Künstler verhängt worden, in der Vorwürfe wegen Steuerhinterziehung geprüft würden; nach Ablauf dieser Zeit sollte er seinen Pass zurückerhalten. „Aber sie geben einem“, wie er schon vor einigen Tagen dieser Zeitung sagte, „ein Signal ohne eine rechtliche Basis. Sie können es immer verändern“.

          Der Preis für Liao freut Ai Weiwei. Der Einfluss des Dichters im Land erstrecke sich allerdings vor allem auf Literatenzirkel und weniger auf die Gesellschaft als ganze.

          Selbst der Name ist verboten

          Ähnlich sieht das der Kulturkritiker Zhu Dake aus Schanghai. In China, sagte er dieser Zeitung, seien nicht nur Liaos Bücher, sondern auch die Nennung seines Namens in den Medien verboten. Unter jungen Leuten sei Liao daher nicht sehr bekannt. Die Qualität der chinesischen Dichtkunst, bei der jetzt in den achtziger Jahren geborene Autoren den Ton angäben, sinke ständig. Aber unter älteren Lyrikfreunden sei Liao seit den Achtzigern als eine avantgardistische und rebellische Figur hoch angesehen. Eine Anerkennung wie der Friedenspreis werde die Offiziellen gewiss ärgern. „Aber die inoffizielle Gesellschaft“, so Zhu, „wird sich freuen.“

          Der Pekinger Schriftsteller Xu Xing, von dem auf Deutsch der Roman „Und alles, was bleibt, ist für dich“ erschienen ist, meint, dass Leute, die Liao Yiwu nicht so gut kennten, ihn vor allem als Dissidenten sehen. Aber für ihn als Freund sei Liao in erster Linie ein Dichter. Wie die anderen befragten chinesischen Künstler wusste er noch nichts von der Existenz des deutschen Friedenspreises, fand ihn aber, als er von dessen Zielen hörte, sehr passend für seinen Freund.

          Wegen der öffentlichen Ächtung sind im chinesischen Internet nicht viele neuere Eintragungen über Liao zu lesen. Jemand findet es nicht gut, dass der Dichter die „staatliche Stabilität“ gefährdet habe. Doch da er selbst zu den Leuten am Bodensatz der Gesellschaft gehöre, mit denen sich Liao immer beschäftige, fühle er sich von dessen Unbeugsamkeit doch auch berührt und sogar an einen Passus aus einem Mao-Gedicht erinnert: „Der Adler fliegt in den Himmel, / Die Fische schwimmen auf dem Grund des Meers, / Zehntausend Lebewesen streben nach der Freiheit ...“

          Wie viel Lebenskraft du verbrauchen kannst

          Der Autor Chen Jiaping zählt eine Reihe Attribute auf, die auf Liao passen: Er ist aufrichtig, er hat Witz, er ist naiv, er ist ein Performer, er ist ein sehr guter Dichter. Und dann kommt es: Er ist ein Glatzkopf. In dieser Bezeichnung, die in China als zweite Bedeutung die eines Gefängnisinsassen hat, ist all das Besondere enthalten, was dieser Schriftsteller für die chinesische Intelligenz zu haben scheint: seine Nähe zur Basis, seine Verfolgung durch das Regime, seine durch keine Ideologie oder Interessenlage verstellte Menschlichkeit.

          Eine besonders pointierte, von den chinesischen Bedingungen ausgehende Interpretation Liaos lieferte schon vor Jahren der Publizist Wang Yi, der Autor des Buchs „Die Welt, die nicht gehorcht“. Er hält Liao für einzigartig unter den öffentlichen Intellektuellen Chinas. „Es gibt keinen sonst“, schrieb Wang auf dem Internetportal „China in diesem Jahrhundert“, „der Jahre seines Lebens eine Gefängniszelle mit Kriminellen teilte, auf der untersten Ebene der Gesellschaft seinen Lebensunterhalt als Straßenmusiker verdiente und dabei immer noch einen starken Körper hat. Das Gewissen von Liao Yiwu kommt nicht aus der Rationalität des Kopfes, sondern aus dem Willen, der aus dem fleischlichen Körper erwächst. Er ist jemand, der die gängigen Meinungen versteht, aber nicht nach ihnen handelt. Bei ihm hat das Schreiben nur einen Sinn: sich aufzubäumen.“ In einer freien Gesellschaft sei die Stärke des Körpers für einen Intellektuellen nicht unbedingt notwendig: „Aber bei uns ist das freie Schreiben in erster Linie ein Schreiben des Körpers, weil die Freiheit Verbrauch bedeutet. Wie viele Gedanken du ausdrücken kannst, hängt davon ab, wie viel Lebenskraft du verbrauchen kannst.“

          Die Hervorbringungen der meisten anderen Intellektuellen, meint Wang Yi, kämen ihm demgegenüber wie „hündischer Konfuzianismus“ vor.

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