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Luz verlässt „Charlie Hebdo“ : Ich muss zeichnen, um nicht zu zittern

Luz verlässt „Charlie Hebdo“, will aber „Charlie“ bleiben. Bild: dpa

Der Chefredakteur Luz verlässt „Charlie Hebdo“ und veröffentlicht sein Bekenntnis „Catharsis“. Es ist die Trauerarbeit eines Überwältigten, für den das Zeichnen zur Überlebensstrategie wird.

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          Er ist sich selbst abhandengekommen, seit dem 7. Januar wird Luz permanent von seinem Doppelgänger verfolgt. Nur weil er mit Verspätung in der Redaktion eintraf, entging er dem Attentat. Er zeichnete in der Woche danach das Titelblatt – mit dem weinenden Mohammed – der „grünen Nummer“, die um die Welt ging: „Tout est pardonné“, alles ist vergeben. Von diesem Heft wurden mehr als sieben Millionen Exemplare abgesetzt, das Cover wurde unzählige Male nachgedruckt und abgebildet.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Heute erscheint in Paris das Comic-Tagebuch, das Renald Luzier, kurz Luz, der berühmteste lebende Zeichner der Welt seit dem Mordanschlag, dem seine besten Kollegen zum Opfer fielen, geführt hat: „Catharsis“ (Editions Futuropolis. 128 Seiten, 14,50 Euro). Das Album ist die Trauerarbeit eines Überwältigten. „Genial“ nennt es die „Libération“, die ihm mehrere Seiten widmet und mit dem Verfasser ein langes Gespräch geführt hat. Für ebenso genial hält es die Zeitung „Le Monde“, die ihre Rezensionen und das Interview mit Luz am kommenden Freitag in der Literaturbeilage publizieren wird, dieses aber zusammen mit zahlreichen Illustrationen aus „Catharsis“ vorab ins Internet gestellt hat.

          „Schon wieder der da“, sagt sich Luz, wenn er in den Medien auf seinen Doppelgänger trifft, „mit dem beliebige Themen illustriert werden: Charlie, Je suis Charlie, der Terrorismus, Valls und die innere Sicherheit, Catherine Deneuve, Jeannette Bougrab“, die ehemalige Ministerin, Partnerin (oder auch nicht) des ermordeten Chefredakteurs Charb, die Luz einen „Schlappschwanz“ schimpfte, weil er keine Mohammed-Karikaturen mehr zeichnen will. Die Schizophrenie geht bis zum Selbstgespräch: „Du weißt nicht mehr, ob du der am 7. Januar 1972 geborene oder der am 7. Januar 2015 für Frankreich geborene Luz bist.“ Das Attentat fand tatsächlich an seinem Geburtstag statt, „dem er sein Leben und sein Überleben verdankt“. Dann „kam der Moment, in dem alles unerträglich schwer wurde“ und sich der historische Mitarbeiter der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ entschloss, sie zu verlassen. Auch das habe er erst so richtig aus den Medien erfahren, sagt Luz. Bestätigt aber die Meldung. Sein Verhältnis zur Zeit ist gestört. Der Pressezeichner hat den Bezug zur Aktualität verloren, sie kann ihn nicht mehr inspirieren.

          Nicht mehr „Charlie Hebdo“ sein, aber Charlie bleiben

          Auch die Konflikte um das Geld und die redaktionelle Ausrichtung verfolgt er kaum noch. Er unterschrieb den Aufruf der Mitarbeiter, die aus der Aktiengesellschaft eine Genossenschaft machen wollen. Die Entlassungsdrohung an die Adresse von Zineb El Rhazoui „kann ich nicht nachvollziehen“. Unerträglich ist ihm der neue Anspruch an „Charlie Hebdo“, das zum nationalen Heiligtum hochstilisiert wird. Nie fühlten sich seine Mitarbeiter als Helden der Republik, zu denen sie nun verklärt werden. Und deren Zwist die Öffentlichkeit mit einer Mischung aus Voyeurismus und moralischer Enttäuschung, gar Empörung verfolgt.

          Ist das wieder ein Auftritt seines medialen Doppelgängers? Luz hält das berühmte Titelblatt hoch, das er nach dem Anschlag gezeichnet hat.
          Ist das wieder ein Auftritt seines medialen Doppelgängers? Luz hält das berühmte Titelblatt hoch, das er nach dem Anschlag gezeichnet hat. : Bild: dpa

          Aus all diesen Gründen bedauert es Luz, dass „Charlie Hebdo“ nur wenige Wochen Pause machte und er selbst sich gerade mal für vierzehn Tage aus der Pflicht nahm. Im Internet, auf dem Handy holten ihn „die Angst und die Paranoia umgehend wieder ein, das ist erschöpfend“.

          „Catharsis“ aber habe ihm geholfen: „Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich keine Angst vor dem leeren weißen Blatt. Ich war bei mir, zu Hause, in der Nacht, und sagte zu mir: Nimm dieses Weiß, nimm diesen Stift, alles ist möglich.“ Nach seiner Zeit bei „Charlie Hebdo“ will Luz „Bücher machen, sich Zeit lassen, die Bibel wieder lesen, nein, das ist ein Witz“. Luz zittert, nicht nur mit den Händen, auch darauf spricht ihn der Interviewer an: „Ich muss zeichnen, um nicht zu zittern. Und weil ich immer mehr zittere, werde ich immer mehr und noch mehr zeichnen müssen.“ Es sind die letzten Worte seines Interviews. „Libération“ macht ein anderes Zitat zur Schlagzeile: „Ich werde nicht mehr ‚Charlie Hebdo‘ sein, aber immer Charlie bleiben.“

          Satire-Zeitschrift : Februar 2015: „Charlie Hebdo" macht weiter

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