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Rezension: Sachbuch : Nach der Sonnenfinsternis

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Das Fazit des zweiten Bandes der Erinnungen, "Die Geheimschrift", sei, daß bei Koestler das Pathologische über die Politik obsiege. Dadurch werde der historische Wert des Buches zunichte gemacht. Koestler sei nicht so sehr von Ideologien oder gesellschaftlichen Kräften getrieben gewesen als von seinem sprunghaften Charakter. Seine Odyssee habe angefangen mit der jugendlichen Begeisterung für den Zionismus, dem Beitritt zur kommunistischen Partei und der ebenso emphatischen Abwendung, um beim leidenschaftlichen Engagement für die Abschaffung der Todesstrafe, der Kampagne zur Aufhebung der Quarantänebestimmungen für Hunde und im Interesse für parapsychologische Fragen zu enden. Cesarani sieht darin einen Ausdruck von "Egozentrik und Ratlosigkeit", eher als von Begeisterung und Desillusionierung.

Den Schlüssel zu Koestlers Wesen glaubt der Biograph darin gefunden zu haben, daß er seine jüdische Herkunft verschleiern wollte, und in dem Exildasein, das ihm als Jude aufgezwungen wurde. Die Ruhelosigkeit, die ihn von Bett zu Bett, von Haus zu Haus und von einer Sache zur nächsten trieb, sei die verzweifelte Suche eines Entwurzelten nach Geborgenheit gewesen: "Seine Heimatlosigkeit, angefangen mit der Abwendung von der jüdischen Tradition, könnte seine verwirrte persönliche Moral ebensogut erklären wie die legendäre ungarische Männlichkeit." Cesarani nimmt Koestler seine Einstellung zum Judentum übel und verwechselt Desinteresse mit Verleugnung.

Für Koestler war die Judenfrage mit der Gründung des jüdischen Staates, für die er sich energisch einsetzte, erledigt. Wer Jude sein wollte, sollte nach Israel auswandern; wer in der Diaspora bleiben wolle, solle sich assimilieren. Als man ihn einmal um einen Beitrag für einer Sammlung von Texten jüdischer Schriftsteller bat, entgegnete er, daß er den Sinn einer solchen Anthologie nicht sehe: "Ich bin der Ansicht, daß der Begriff ,jüdisch' der hebräischen Nation in Palästina vorbehalten sein soll und daß all jene, die sich ihr nicht anschließen, aufhören sollten, sich als separate Gemeinschaft zu betrachten." Mit diesem Argument hat sich Koestler viele Feinde gemacht, darunter Isaiah Berlin. Koestlers Wunsch, das Judentum nicht in den Vordergrund zu rücken, hieß noch lange nicht, daß er damit seine "Ethnizität frisierte", wie Cesarani wiederum mit erhobenem Zeigefinger meint.

Dieser Tage ist dem Biographen, der so streng moralisch über Koestler urteilt, in aller Schärfe vorgeworfen worfen, daß auch er sich nicht korrekt verhalten habe. Einem Brief zufolge, der im "Times Literary Supplement" abgedruckt wurde, hat er den Treuhändern des Koestler-Archivs versichert, er wolle das Material lediglich für eine Studie über Koestlers jüdische Identität einsehen. An die Zusicherung, weder Zitate noch Bildmaterial ohne vorherige Genehmigung zu verwenden, habe er sich nicht gehalten.

Der Verfasser des Briefes ist Michael Scammell, Autor einer Solschenizyn-Biographie, der seit fünfzehn Jahren an einem Koestler-Buch arbeitet. Er behauptet, ihm sei die exklusive Nutzung des Archivs für biographische Zwecke eingeräumt worden. Cesarani habe ihm auch schriftlich versichert, er beschäftige sich mit Koestler "als Beispiel der entwurzelten jüdischen Intellektuellen, welche die Ideenwelt unseres Jahrhunderts so stark geprägt haben", und hinzugefügt, er sei mehr an Koestlers "Gedanken als an den Einzelheiten seines Lebens" interessiert.

Cesarani hat diese Vorwürfe in der jüngsten Nummer der Zeitschrift zurückgewiesen. Er habe die erforderlichen Genehmigungen eingeholt und sich daran gehalten, "Arthur Koestlers Leben und Denken im Lichte seines Judentums" neu zu bewerten. Wer auch immer recht behalten wird, zu hoffen bleibt, daß Michael Scammells Buch Koestler besser gerecht wird als Cesaranis ebenso kleinliche wie schwerfällig geschriebene Biographie. GINA THOMAS

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